Thriller geht anders

 

Ein Thriller auf 40 Seiten? Mag ja sein, dass „Thrill“ keine Frage der Textlänge ist, aber unter „Thriller“ stellt man sich ja doch etwas mehr als eine Kurzgeschichte vor. Hat Marc Pain womöglich einfach nur marketingfreundlich übertrieben? Ich wollte es wissen und ließ mir ein Rezensionsexemplar von „Geh nicht dorthin“ mailen …

Alles beginnt mit einer Szene im Wald. Ein Haufen Leute werden genannt, eine unbekannte Gefahr erwähnt und dann kommen die ersten schon um. Normalerweise wäre das ein netter Prolog, aber im nächsten Kapitel springt der Text zurück zur Ankunft der Gruppe in einem Nest namens Iwdel und ich merkte, dass die Story mich schon nicht mehr interessierte. Ich wusste ja, wo es hinführt: Die Leute werden auf ihrer Wanderschaft von etwas verfolgt werden und sterben. Und: Sie werden nie rausfinden, was sie da verfolgt.

Ich rief mich zur Ordnung. Es konnte ja sein, dass die verhängnisvollen Dinge schon kurz nach der Ankunft beginnen und nur wenige der zirka 40 Buchseiten bis zum Beginn des Thriller-Teil nötig sein würden. Dann konnten die Überlebenden der Quasi-Prolog-Szene ja noch dies und jenes erleben, was spannend werden könnte.

Es dauerte dann aber nicht nur wenige Seiten. Es folgte ein Bericht darüber, wie die zehn Studenten sich versammeln, aufbrechen und dann per Ski – das Ganze spielt im Winter am Fuße des Urals – wandern. Warum sie das tun, habe ich zwar nicht wirklich verstanden, aber dieses Wissen habe ich nie vermisst – es ist für die Story irrelevant.

Relevant wäre allerdings gewesen, mir die Figuren nahezubringen, mich also in die Situation zu versetzen, mich um sie zu sorgen oder mit ihnen zu fühlen. Das gelang nicht. Zwar gab es ein paar Dialoge und Passagen, die die Beziehungen und Charaktere zeichnen sollten, aber mir blieb das alles zu blass.

Relevant wäre auch gewesen, Spannung – ein wichtiges Merkmal von Thrillern – zu erzeugen. Auch das gelang nicht. Das hat zum einen sicher mit den fehlenden Bezug zu den Figuren zu tun, zum anderen mit dem Umstand, dass trotz des erzählenden Grundtons vieles eher wie eine Bildbeschreibung klang. Was die Figuren durchmachen, ist nicht Gegenstand dieses Teils. Es scheint eigentlich nur darum zu gehen, die Figuren für die entscheidenden Szenen zu platzieren. Dass es auch darum ging, die Fakten des tatsächlichen Ereignisses, auf dem die Geschichte beruht, irgendwie einzuarbeiten, wurde mir erst später klar. Das erklärt, warum der Autor nicht einfach auf dieses Vorgeplänkel verzichtete.

Dann – noch vor der Mitte – passiert ein weiterer Spannungskiller: Konnte man nach dem Quasi-Prolog noch hoffen, es gäbe Überlebende, wird hier klipp und klar gesagt, dass keiner der Gejagten es schaffen wird. Nur derjenige, der sich an der Stelle gesundheitsbedingt aus der Gruppe verabschiedet und umkehrt, überlebt. Für den Thriller-Teil ist er aber unerheblich, weil er das bevorstehende Grauen nicht miterleben wird.

Faktisch ist es für den Thriller allerdings nicht unerheblich, dass dieser eine jetzt geht, denn die Zahl neun – also die Zahl der Weiterwandernden – spielt durchaus eine Rolle. Doch obwohl die Wanderer um diese Zahl durchaus wissen, kommt das nicht zur Sprache. Überhaupt wird die düstere Legende um die Region namens „Geh nicht dorthin“ so nebensächlich und so kurz erwähnt, dass es einem um das verschenkte Thrill-Potential richtig leid tun könnte.

Was gibt es also noch, was mein Interesse halten könnte? Ein mysteriöses Licht. Das ist gut, das macht neugierig. Dann – nach einer weiteren längeren Berichtspassage – sind die Figuren endlich am Ort des Geschehens. Was da des Nachts passiert, verrate ich nicht, es sei nur so viel erwähnt, dass dies zu der Szene aus dem Quasi-Prolog führt. Dem folgt, was mit den am Anfang noch Überlebenden passiert.

In diesem Teil des Buches schwingt sich jetzt die Phantasie des Autors auf. Er behauptet eine Reihe seltsamer, erschreckender Phänome, vor denen die Wanderer fliehen und sich zu retten versuchen. Hier kommt nun – wenige Seiten vor Schluss – endlich der Thrill.

Das heißt, er hätte hier kommen müssen. Aber auch hier beschränkt sich der Text weitestgehend auf die Bildbeschreibung – die Erschütterung über das Gesehene, die Angst, die körperlichen Strapazen und letztlich das Sterben finden im Text kaum statt und wenn doch, dann klingt es nicht nach Emotionen, sondern – ich weiß ich wiederhole mich – wie der Bericht über Emotionen.

Meine letzte Hoffnung auf Thrill war das Nachwort. Das erklärte, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht: Diese zehn jungen Leute waren wirklich zu diesem Berg aufgebrochen, neun von ihnen waren wirklich gestorben und ihre Leichen später in merkwürdigem Zustand gefunden worden. Der große Rest sei aber Fiktion. Und zwar nach dem, was im Nachwort steht, reine Fiktion. Das ist nicht spannend. Spannend wäre gewesen, Elemente der Fiktion mit weiteren Elementen der Realität zu verknüpfen und zwar über die reine Auffindsituation hinaus. Woher zum Beispiel diese Idee mit dem Licht? Inzwischen weiß ich, dass der Autor auch dafür einen „Input“ hatte. Diese Art Vernetzung mit noch anderen Umständen als dem bloßen Tod der Neun hätte interessant sein können, hätten der reinen Fiktion einen Anstrich von Theorie-Charakter geben können.

Mein Fazit: Da ist erzähltechnisch einiges schief gegangen, denn die Idee an sich hätte wirklich einen Thriller abgeben können. Das Problem beginnt bei der Nicht-Entscheidung, ob eine Geschichte über diese Leute und ihr Ende erzählt oder eine illustrierte Theorie zum Rätsel aufgestellt werden sollte, und reicht über Konstruktionsschwächen wie die oben angedeutete Vorwegnahme des Ergebnisses bis hin zu Textdetails wie Wiederholungen von Aussagen. Allerdings ist das Ganze recht süffig lesbar, der Autor ist also nicht gänzlich unbegabt, nur etwas unerfahren, wie es scheint. Um so mehr finde ich es bedauerlich, dass das Potential der Story so wenig gezündet werden konnte. Schade.


Nachtrag: Das E-Book ist für 1,99 Euro erhältlich. Geld, das man sich meiner Meinung nach sparen kann, die Hintergründe, die man unter dem Stichwort „Djatlow-Pass“ im Internet findet, sind allemal spannender.




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