Spannend mit winzigen Macken

 

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf „Im Turm des Panopticons“ von Daniela Rohr aufmerksam wurde. Wahrscheinlich über den Blog von Montbron (lapismont.wordpress.com – empfehlenswert!), aber das ist mal ein anderes Thema. Jedenfalls war es kein Blindkauf, sondern ich hatte mich von guten (Kurz)Rezensionen anlocken lassen.

Inhalt

Die Novelle, wie Daniela Rohr selbst die Geschichte nennt, erzählt von Linea, die einen sechsmonatigen Job im Panopticon absolviert. Dies ist ein über der Erde schwebendes Gefängnis für Aufrührer und Quertreiber; Linea soll die Gefangenen überwachen. Und zwar buchstäblich: Die Zellen haben Glaswände, es gibt nicht den geringsten Rückzugsraum – nicht mal fürs Waschen oder den Toilettengang – und Linea kann jederzeit jeden beobachten.

Schon am Anfang der Geschichte kommt es jedoch zu seltsamen Dingen. Es beginnt damit, dass ein Gefangener in die Kamera starrt, als könne er seinerseits Linea sehen. Dann scheinen die Reaktionen anderer darauf hinzudeuten, dass die Gefangenen sie auch hören. Sekundenlang ist eine Zelle leer. Und der Computer Alexa, der Linea eigentlich unterstützen und schützen soll, beginnt offenbar zu lügen. Auch ein Systemneustart hilft nicht …

Ausführung

Ich habe selten eine so hochspannende Story gelesen. Die zunehmenden Probleme, die immer offensichtlichere Lügerei des Computers, beängstigende Halluzinationen – sind es welche? fühlt sich nicht so an – und das immer verrücktere Verhalten der Gefangenen verdichten sich gekonnt zu einem Spannungsbogen, wie man ihn so effektiv nicht sehr oft antrifft. Schade, dass die Auflösung so viel Raum einnimmt – auch wenn auch sie absolut nicht langweilig ist, wäre ein kompakterer Schluss perfekt gewesen.

Dabei ist der Klang des Textes durchaus nicht ungewöhnlich, Sound und Rhythmus verlangen dem Leser nicht viel ab. Die Wortwahl hingegen ist mitunter ungewöhnlich und geht auch schon mal schief; die Bilder zu Lineas nervlichem Zustand zum Beispiel habe ich nicht immer problemlos vor meinem inneren Auge sehen können.

Auch in Sachen Logik ist nicht alles perfekt, wobei mich am allermeisten der Schlusssatz massiv irritiert. Es mag „politisch korrekt“ sein, aber ich habe keine Ahnung, auf welche Stelle im Plot er sich bezieht. Ohne zu viel verraten zu wollen: Linea fragt Alexa, wie sie sie zu etwas Bestimmtem gebracht hat, und ich habe auch mit Nachblättern nicht gefunden, wo Alexa das getan haben soll. Aber vielleicht ist das ja der „Gag“, vielleicht ist das das Problem, auf das die Autorin hinaus wollte …

Bevor der Eindruck entsteht, dass das Buch an diesen „Fehlern“ leidet: Das tut es nicht, ich meckere mal wieder auf hohem Niveau. Dass das Buch im Selfpublishing (über den entsprechenden amazon-Service) erschienen ist, merkt man nur am Impressum und den Werbe-Seiten am Schluss.

Fazit

„Im Turm des Panopticons“ ist ein hochspannendes Buch, mit nur sehr, sehr wenigen Macken. Die größte: Es ist mit knapp 100 Seiten irgendwie zu kurz, sowas möchte ich gern länger genießen. Andererseits erlaubt diese Kürze, einiges, was logisch nicht ganz durchdacht wirkt, im Unklaren zu lassen, ohne dass dem Leser das Logik-Poblem zu sehr unter die Nase gerieben wird.

Übrigens …

… wer bei dem Thema „Linea überwacht von Staats wegen selbst die Intimsphäre der Leute“ glaubt, er ahne schon, worauf die Auflösung hinausläuft, wird sein blaues Wunder erleben. DAMIT hab selbst ich nicht gerechnet und ich habe inzwischen eine gewisse Routine beim Vorhersehen der Schluss-Optionen.



Erhältlich bei amazon
99 Seiten, selfpublished per CreateSpace Independent Publishing Platform (18. Dezember 2013), ISBN-10: 1494724294, ISBN-13: 978-1494724290
Homepage von Daniela Rohr