Opfer, Täter und Ermittler – alle tot

10. Oktober 2012

Es ist das vierte Buch mit Lilly Höschen, der streitbaren alten Dame, die nicht nach kleinen Hosen benannt ist, sondern „Hö-schen“ heißt. Mit kurzem ö. Man kann „Lilly Höschen und ihr Gespür für Mord“ aber auch gut als Einzelbuch lesen, sagt der Verlag. Man kann auch Pappe essen. Sie sättigt und ein Teil der Inhaltsstoffe wird bestimmt auch verdaut, Spaß macht es aber nicht.

Ich weiß nicht, ob die ersten Bücher Spaß machen, dieses hier krankt an fast allen Fehlern, die ein (noch) nicht so guter Autor machen kann. Zwar halten sich Tipp- und Semantikfehler in engen Grenzen und die in sich abgeschlossene Geschichte ist auf den Ablauf bezogen rund, wartet mit ein paar hübschen Ideen auf und hat sogar ein, zwei Überraschungsmomente zu bieten. Die Ausführung der Geschichte allerdings ist – literarisch gesehen – stümperhaft. Ein richtiges Lektorat hätte sicher nicht geschadet. Im Gegenteil, meine Erfahrung mit „sowas“ spricht dafür, dass man mit ein paar gezielten Hinweisen der Sache Leben hätte einhauchen können.

Erstmal zum brauchbaren Teil des Buches, dem Plot: Die Handlung beginnt damit, dass eine Frau ihren Ex-Mann vergiftet, weil der ihrer Meinung nach Schuld am Tod ihres Sohnes ist. Dann geht die Handlung bei der frischbackenen Hauptkommissarin Gisela Weniger weiter, die einen neuen Kollegen bekommt. Der war damals in den Fall jenes Sohnes involviert und steht – so vermuten die Kriminalisten – auch auf der Todesliste. Er zieht in Giselas Nachbarschaft, kurz danach kommt in der Straße mit Sabine ein weiterer Neuzugang hinzu, Tante Lilly – genau, die mit dem kurzen ö – reist an und „kriminalisiert“ ein bisschen herum. Der junge Kollege verschwindet, wird dank Lilly befreit und die Dame Höschen findet schließlich in Australien die wichtigsten Bausteine für das Puzzle aus Rache, Mord und kaputten Leben.

Das alles könnte trotz eines kleinen G’schmäckles nach „krampfhaft konstruiert“ durchaus spannend zu lesen sein. Wenn es spannend erzählt worden wäre. Dazu hätte nicht nur gehört, nicht anscheinend wahllos zwischen den grammatischen Zeiten hin und her zu springen, einen flüssigen Text statt so ein Gehüpfe zu bauen – ab der Hälfte gelingt das seltsamerweise sogar – und sich in Sachen Dialoge an eine sinnige Absatzgestaltung zu halten.

Vor allem und in erster Linie hätte sich Autor Helmut Exner um seine Figuren kümmern sollen, die angeblich den Charme der Reihe ausmachen. Was ich in diesem Buch vorfand, waren allenfalls Pappkameraden, die der Autor in den Plot presste. Platte Irgendwers, deren behauptetes Gefühls- und Beziehungsleben im Text nicht stattfand. Die statt dessen unglaubhafte bis alberne Dialoge führten und auf bizarr überdrehte Weise auf selten mehr, meist weniger Komisches und entsetzlich oft sogar auf lediglich als komisch Behauptetes reagierten. Wackelnde Bäuche, brüllendes Lachen und Hände, die vors Gesicht geschlagen werden – und das ständig und ohne Rücksicht darauf, um was für Personen und Situationen es geht. Über diese nicht nachzuvollziehenden, zum Teil blödsinnigen Heiterkeitsausbrüche und hin und wieder nicht weniger unglaubhafte Rührungsszenen haben die Figuren nichts an Leben zu bieten. Hier und da konstruiert Exner etwas in die Story hinein, an dem er „beweisen“ kann, dass Lilly Leute noch immer so fies runtermachen kann wie eh und je, aber das war es dann auch schon.

Dass der Autor auch anders kann, deutet sich ab der zweiten Hälfte des Buches an. Hier entwickelt er eine Neben-Figur vom Grunde an und da fließt dann auch der Text ordentlich und zumindest ansatzweise ist diese Frau zu „spüren“. Dass diese Ausführlichkeit wie Füllmaterial wirkt – ein Schicksal, das diese Frau mit anderen Figuren teilt – ist ein Symptom für das Dilemma des Autors: Der Ablaufplan des Plots ist runtergespult worden und weil das mangels echter Handlung zu wenige Seiten geworden wären, hat er halt aufgefüllt.

Besser wäre gewesen, die Figuren handeln zu lassen. Leben zu lassen. Dass Gisela Mutter eines Säuglings ist, wird zwar ab und zu erwähnt, findet aber de facto nicht statt. Die Kennenlernphase mit dem neuen Kollegen findet nicht statt. Diesem wird ein erwachsener Sohn samt Freundin offeriert – auch dieses Kennenlernen findet nicht statt. Selbst Lillys Gespür findet nicht statt, es beschränkt sich darauf, dass mitgeteilt wird, etwas käme ihr – warum auch immer – seltsam vor, woraufhin sie irgendwas tut. Diese Liste könnte man endlos weiterführen. Exner hatte wahrscheinlich sehr wohl vor Augen, was konkret die Figuren so tun, wie sie sich fühlen und wie sich das in Gesten, Blicken oder spontanen Handlungen äußert – nur aufgeschrieben hat er all das nicht. Das Buch hätte dadurch wenigstens doppelt so dick und sicher zehnmal so unterhaltsam und interessant werden können.

„Lesen ist wie Kino im Kopf.“ Nicht bei diesem Buch. Darin entwickelt sich kein Film, das ist nur der Ablaufplan. Schade.



Bibliografische Angaben:

Helmut Exner: „Lilly Höschen und ihr Gespür für Mord“
EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH; Edition Nordlicht

1. Auflage September 2012

ISBN 978-3-943403-17-6

148 Seiten/ 8,95 Euro (kindle: 2,99 Euro)