Das Kitsch-Gespenst

(27. 5. 2013) Ich bin dankbar. Dafür, dass mir neulich eine junge Autorin bestätigte, was ich schon ahnte: Schreibanfänger – junge zumal – glauben, vor allem „schön“ schreiben zu müssen, und für „schön“ und kunstvoll halten sie tolle Worte, geschraubte Wendungen und möglichst viele Stimmungs- und Bilderzeuger wie Adjektive & Co. Diese Ideen kommen nicht aus dem Nichts und ich bin sicher eine der Letzte, die über diesen Anfangsirrtum hämisch lachen würde. Deshalb ist es auch so schwer, diesen Autoren gegenüber Worte wie Klischee und gar Kitsch zu benutzen, denn wie schnell verletzt man da jemanden.

Dabei sind Klischees und Kitsch wichtige Elemente beim Schreiben. Man kann mit dem Anspruch an das Schreiben herangehen, sie nichtmal ansatzweise einzusetzen. Das ist sehr löblich. Die allerwenigsten dürften das allerdings schaffen. Und zwar aus zwei Gründen: Der Mensch braucht Klischees und Schubladen zum Denken, es sind also Grundmuster unserer Gedankenwelt. Nicht nur der Autor ist davon nicht frei, vor allem ist der Leser davon nicht frei, vielmehr erleichtert es ihm das Verstehen. Kitsch andererseits – also Effekthaschendes – gehört zu den „geistigen Bildgebungsverfahren“, die ähnlich wie das Klischee sofortige und (nahezu) unmissverständliche Klarheit über bestimmte Dinge bringen.

Warum ist beides trotzdem so verpönt? Weil sie keine objektiven Größen sind, sondern als Begriffe für das „unangenehme“ und „unpassend“ erscheinende Zuviel dieser Dinge benutzt werden. Und in diesem Sinne sind sie zurecht verpönt. Deshalb auch – bei aller Ambivalenz – mein Beitrag hier auf der Seite (unter „Schreiben“).

Und trotzdem …

Neulich – also durchaus nicht ohne Zusammenhang zum oben genannten Bekenntnis und meinem Versuch zu verstehen, woher diese Prägung kommt – fiel mir spontan ein, was meine Schreiberei geprägt hat. Es waren Stanislaw Lem, Bernd Ulbrich und die Filme „Dirty Dancing“ und „Amadeus“. Als ich im Alter von zehn Jahren die „Geschichten des Piloten Pirx“ las, wollte ich auch so lebhaft vorstellbare Geschichten wie Lem schreiben können. Als ich etwa sechs oder acht Jahre später „Störgröße M“ las, wollte ich auch so menschliche, vielschichtige und echte Figuren erfinden können. Bei „Dirty Dancing“ wurde mir klar, dass eine gute Geschichte und eine gut erzählte Geschichte nicht dasselbe sind und dass gekonnt gemachter Kitsch unglaublich starke Wirkungen entfaltet. Und bei „Amadeus“ schließlich konnte ich spüren, wie man diesen Kitsch so macht, dass er nicht kitschig ist.

Also: Keine Angst vor dem Kitsch-Gespenst! Der bloße Anblick tötet nicht, man darf sich von ihm nur nicht in den Abgrund der Sinnfreiheit treiben lassen …