Lesen lernen! Ein Appell

 

Lesen will gelernt sein. Das betrifft nicht nur das „Übersetzen“ der Zeichen, die man auf dem Papier oder Bildschirm sieht, in Sprache, die man versteht, oder um das Erkennen, dass Bilder und Metaphern nicht wörtlich gemeint sind, sondern ebenfalls „übersetzt“ werden müssen.

Es geht darum, gute Bücher von schlechten Büchern unterscheiden zu lernen. Gemeint ist damit nicht, dass Sie fortan nur die ganz große Literatur lesen sollen und der Abenteuerroman in die Mülltonne wandern muss. Gemeint ist: Geben Sie sich nicht mit schlecht gemachten Texten zufrieden! Wenn etwas unlogisch ist (und bis zum Schluss auch bleibt) oder schlichtweg falsch, wenn man Ihnen Schreibfehler und Komma-Desaster zumutet, wenn Sie am Ende des Buches den Eindruck haben, irgendwie unbefriedigt geblieben zu sein – dann seien Sie ruhig sauer. Auf den Autor und den Verlag, die Ihnen „das“ zugemutet haben.

Ja: Es kommt vor, dass man nicht auf der gleichen Wellenlänge mit dem Autor ist. Dass man mit dessen Stil nicht recht warm wird oder man die Geschichte, die der Autor mit großen Gesten erzählt, eher banal findet. Wie gesagt: Das kommt vor. Meist aber ist Ihr Unmut berechtigt. Immerhin haben Sie in der Regel eine Vorauswahl getroffen und Bücher, die schon auf den ersten Blick nicht zu Ihnen passten, gar nicht erst gelesen.

Nicht Sie müssen sich mit dem Text mehr Mühe geben, der Autor hätte es tun müssen. Meist jedenfalls.

Sie haben das Recht darauf, nicht mit schlechter Ware abgespeist zu werden.

Wenn Sie mit diesem Anspruch lesen, dann werden Sie lernen, nicht nur aus der Geschichte selbst Vergnügen zu ziehen, sondern sich auch am guten Handwerk erfreuen zu können. Sie werden Dinge zwischen den Worten und Zeilen finden, die Texte auch beim Wieder-Lesen neu und spannend machen. Dann werden Sie merken, dass die interessanteste Idee langweilig ist, wenn sie nicht ordentlich erzählt wird. Sie werden – hoffentlich – den Glauben ablegen, dass alles, was gedruckt vorliegt, auch wirklich druckreif war, oder dass Preise generell ein Zeichen für hohe Qualität sind.

Ja, im Prinzip könnte es mir egal sein, ob Sie sich Schund antun und – wenn Sie unzufrieden sind – die Schuld dafür auch noch bei sich suchen. Aber jedes dieser Bücher, das Sie kaufen, signalisiert den Machern (Schreibern und Verlagen), dass sie nicht sorgfältiger zu arbeiten brauchen. Auch jeder Werbe- und journalistische Text, den Sie innerlich „durchwinken“, trägt dazu bei, dass der nächste schlechter gemacht wird.

Das ist Ihr Anteil an der Sprachpflege.

Lassen Sie sich nicht gefallen, dass man Ihnen die Sprache so kaputt macht, dass auch Ihre Worte ihre Kraft dabei verlieren! Geben Sie Ihre Stimme nicht so leichtfertig auf!


Nachtrag: Natürlich, liebe Autoren, passiert es auch, dass ein Text an einen Leser gerät, für den er einfach zu hoch oder zu fremd ist. Meistens jedoch bewegen sich diese Texte und diese Leser nicht im selben Raum. Sie treffen also in Wirklichkeit nur sehr, sehr selten aufeinander. Deshalb: Wenn ein Leser unzufrieden ist, dann sollten Sie aufhorchen!



„Lesen ist wie Kino im Kopf“ – deshalb heißt die Rezensionsabteilung dieser Homepage auch LiwKiK .