Berührend

 

Gründe dafür, ein Kind zur Adoption freizugeben, gibt es so viele wie Mütter, die dies tun. Gezwungen zu werden – und zwar nicht durch die Umstände sondern tatsächlich durch andere Menschen – gehört dabei sicher zu den dramatischsten. Und Anna Marin ist genau das passiert.

Etwa dreißig Jahre später schreibt sie darüber. Der Ton ist ausgesprochen kühl, berichtend. Nichts da mit wohligem Schmökern in farbig ausgeschmückten Szenen oder literarisch anspruchsvollen Analysen davon, wie Menschen und Gesellschaft funktionieren. Anna Marin ist eben keine Schriftstellerin, sie erzählt „nur" etwas aus ihrem Leben. Am Anfang sehr gerafft, eher übersichtsartig, später, als die Katastrophe unaufhaltsam heranrollt, detaillierter und durchaus auch emotionaler. Ein Schwelgen in Gefühlen – schlimmen wie guten – ist es aber nie.

Und trotzdem: Der Text ergreift den Leser. Wenn er sich darauf einlässt. In dem Abstand, den der Tonfall von jenen Ereignissen erzeugt, schwingt immer stärker das Entsetzen nach, das einen als Zuschauer des Unglaublichen erfasst. Können Eltern so grausam sein? Was ist passiert zwischen dem allerersten Bild, in dem der damals junge Vater stolz den Kinderwagen mit seiner Erstgeborenen schiebt, und den Jahren, in denen er sie demütigt und ihr schließlich gnadenlos das Baby raubt? Anna Marin fragt nicht danach und auch auf andere Personen – ihre Mutter zum Beispiel – wirft sie nur Schlaglichter, die sich vor allem aus der Perspektive ihrer eigenen Not jener Zeit ergeben. Was da aufscheint, wäre Stoff für einen Roman gewesen. Doch dafür hätte es wohl einen Ghostwriter gebraucht, der all diese Dinge zwar nachempfinden kann, dabei aber nicht Gefahr läuft, mühsam verheilte Wunden aufzureißen. Ja: Vielleicht muss das Buch bei aller Offenheit – zum Beispiel über das Bettnässen – so sachlich wirken, musste Anna Marin so viel Abstand zu der seelischen und durchaus auch körperlichen Gewalt von damals schaffen, um es ertragen zu können. Denn auch wenn diese Offenheit darauf schließen lässt, dass sie die Ereignisse inzwischen verarbeitet hat, wird eines klar: Vergeben und vergessen ist da gar nichts.

Wie auch, wenn die eigenen Eltern – die Erzählerin war damals erst 16 – sich unbarmherzig über die Wünsche der Tochter hinwegsetzten. Nein, sie haben sie nicht geschlagen – zumindest in dem Zusammenhang nicht –, sie haben einfach festgelegt, dass das Baby weg muss. Die Schande sei zu groß. Nun: Es mögen andere Zeiten gewesen sein, aber wir reden hier nicht vom Mittelalter. Wir reden von den ausgehenden 1970ern. Damals war es durchaus nicht mehr ehrenrührig, so früh ein Kind zu bekommen. Eine Schande? Ja. Aber nicht die Schwangerschaft, sondern das, was die Eltern - mit massiver Schützenhilfe z. B. durch den zuständigen Beamten - taten.

Anna Marin erzählt davon. Sie erzählt es mit Abstand und ohne Hass. Aber auch ohne Verständnis für die Täter. Der gesamte Text ist ein Vorwurf. An die Eltern, die keine andere „Lösung“ zuließen als die ihre, und an diejenigen, die sich nicht schützend vor die junge Frau sondern auf die Seite der Eltern stellten. Dabei wird die Autorin nicht polemisch, vieles bleibt sogar ausgesprochen skizzenhaft. Doch das unterstützt die Eindringlichkeit des Textes, macht die Kälte, in der sich die werdende Mutter gefangen fand, spürbar.

Nein, Spaß macht es nicht, das Buch zu lesen – es eben kein Roman, in den man sich versenken kann und dessen Szenenfülle am inneren Auge nur so entlang rauscht. Aber wenn man sich darauf einlässt, das Wenige, das gezeigt wird, wahrnimmt, ihm Raum gibt, dann offenbart sich eine berührende Geschichte. Tief berührend.

Anna Marin: „Traumkind: Mein unbekannter Sohn“
54 Seiten; tredition; ISBN: 978-3-8491-1825-9


Nachtrag: Ich war Lektor bei dem Buch. Mein erster Instinkt war, die Autorin zu bewegen, viel episodischer zu schreiben, von Anfang an eher den gewohnten „Film“ zu machen. Abgesehen davon, dass Anna Marin eben keine „echte Schriftstellerin“, keine Geschichtenerzählerin ist, habe ich bei der Vertiefung in den Text, wie sie für Lektorate nun mal nötig ist, die Kühle des Textes zunehmend als Ausdruck des inneren Umgangs mit „der Sache“ empfunden. Das mag mit Blick auf das „schmökerbar Machen“ nicht gut gewesen sein. Aber ich bereue es nicht, den Stil nur beschliffen statt eine radikale Änderung „gefordert“ zu haben.


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