Ein Ablaufplan ist noch keine Geschichte!

 

Ein guter Witz wird öde oder sogar nervig, wenn man ihn schlecht erzählt. Genauso ist das auch mit anderen Geschichten. Es reicht nicht, einen in sich stimmigen Ablaufplan zu entwerfen und den dann runterzuspulen. So ein Ablaufplan ist immer nur das Gerüst, das die einzelnen Handlungen zu einer Geschichte zusammenführt.

Die Figuren sind das Maß der Dinge!

Nehmen wir an, in Ihrer Geschichte gibt es einen Neuling im Team. Fragen Sie sich als erstes, warum es ein Neuling sein muss. Bei Serien kann es sein, dass Sie jemanden mit bestimmten Eigenschaften brauchen, bisher aber noch nicht als Figur etabliert haben. Wenn es eine erste oder eine Einzelgeschichte ist, denken Sie darüber nach, warum diese Figur nicht schon seit geraumer Zeit im Team sein kann.

Egal, warum Sie sich dann für den Neuling entscheiden, bedenken Sie, dass diese Figur den anderen Figuren noch unbekannt ist! Es wird Missverständnisse geben und Überraschungen. Und es wird – vor allem private oder intime – Dinge geben, die Figuren nicht voneinander wissen. Das beginnt schon beim individuellen Passwort für den Computer, reicht über Essenvorlieben und Allergien bis zu Wohnverhältnissen und Hobbys. Davon, dass die gefühlsmäßige Bindung zu einem Neuling nicht der zu einem langjährigen guten Kollegen entspricht, mal ganz zu schweigen.

Oder: Nehmen wir an, eine der Hauptfiguren ist gerade Mutter geworden. Dann kann der Plot tausendmal vorsehen, dass sie ihre Arbeit mit Engagement und Perfektion erfüllt, sie wird – wenn Sie sie nicht als „uninteressierte Mutter“ erscheinen lassen wollen – immer wieder an ihr Baby denken. Sie wird von der betreuenden Person angerufen werden oder – falls z. B. das Kind am Morgen kränklich schien – selbst anrufen. Sie wird pünktlichst Feierabend machen, früh vielleicht zu spät kommen, mittags heimfahren. Ihr werden im Schaufenster die niedlichen Schühchen auffallen oder sie wird schnell noch Breinachschub kaufen gehen.

Wenn Sie – wie ich vor Kurzem lesen musste – in Ihrem Text während einer einige Tage dauernden Handlung, weniger als fünf-, sechsmal etwas schreiben wie „Sie kümmerte sich 30 Minuten um ihr Baby und kam dann zurück ins Wohnzimmer“ und sonst nichts dergleichen, dann können Sie davon ausgehen, dass dieses Baby ein extrem gestörtes Verhältnis zu seiner desinteressierten Mutter entwickeln wird.

Handlung ist gefragt!

Nehmen wir den Fall des gleichen Buches, in dem die Titelheldin nach Australien reist, weil eine heiße Krimispur dorthin führt. Sie verbindet den Aufenthalt mit einem Besuch bei einer alten Freundin.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder, Sie haben etwas Interessantes über diese Reise, die Erlebnisse im fremden Land und mit der Freundin und/oder die Recherchen zu erzählen, oder Sie brauchen lediglich das Ergebnis der Reise für den Fortgang der Story daheim.

Das heißt: Entweder Sie belassen es nun bei der Information und lassen die Heldin nach ihrer Rückkehr berichten, was sie herausbekommen hat, oder Sie erzählen, was in Australien passiert. Wenn das lediglich darin besteht, dass die Heldin einfach so zu den beiden Adressen fährt, die sie hat, dort – beide Male! – im Haus selbst keine Auskunft bekommt, aber ohne weitere Umschweife beim jeweiligen Nachbarn alles Nötige erfährt, dann ist das nicht erzählenswert. Dann haben Sie zwar den Ablaufplan abgespult, aber keine Geschichte erzählt.


Merksatz: Der Ablaufplan ist nur ein Ablaufplan – Sie müssen Handlung(en) darum stricken und die Figuren dabei lebendig agieren lassen!