Absatzfrage

 

Der Absatz zählt. Er bringt den Gewinn. Auch bei Texten.

Was ist das?

Ein Absatz ist ein Block fortlaufenden Textes, der nicht durch einen „künstlichen“ Zeilenumbruch („Enter“) unterbrochen wird. Oder so ähnlich. Wichtig ist für die folgenden Erklärungen der Unterschied zum Abschnitt: Dieser umfasst in der Regel mehrere Absätze und bildete eine größere inhaltliche Einheit. Die nächst höhere Strukturebene ist dann das Kapitel.

Zu den Formalitäten: In Druckwerken werden Absätze in der Regel dadurch gebildet, dass ein künstlicher Zeilenumbruch erzeugt wird, also ein Zeilenumbruch, der sich nicht automatisch aus dem Zeilenende der Spaltenbreite ergibt. Der neue Absatz beginnt auf der nächsten Zeile.

In Druckwerken wird der neue Absatz meist mit einem Einzug begonnen. Das erleichtert die Lesbarkeit. Wenn Sie, lieber Autor, ein Manuskript einreichen, dann erzeugen Sie diesen Einzug bitte NIE durch Leerzeichen oder Tabulatoren! Falls Sie in Ihrem Textprogramm die Einstellung nicht finden, mit der Sie dem Format „Fließtext“ den Einzug in der ersten Zeile zuweisen können, sollten Sie die Einzüge ganz weglassen – der Verlag/Setzer nimmt diese Formatierung dann an seiner Maschine vor.

In Foren oder anderen Internetmedien ist es oft aufwändig oder gar unmöglich, Einzüge zu erzeugen. Um die Lesbarkeit trotzdem zu erhöhen, hat es sich eingebürgert, Leerräume zwischen den Absätzen zu erzeugen. Manche Editoren erzeugen diesen Absatz-Abstand automatisch, in anderen Fällen setzen Autoren Leerzeilen zwischen die Absätze. Dabei gilt die Regel: Absätze werden entweder immer mit oder immer ohne Leerzeile geschrieben. Ein Abschnitt ist dann dadurch erkennbar, dass er durch eine Leerzeile mehr abgetrennt wird (also 0 + 1 = 1 oder 1 + 1 = 2).

Was soll das?

Erstens: Absätze erzeugen eine optische Struktur, an der man sich beim Lesen orientieren kann. „Bleiwüsten“ strengen an.

Zweitens: Absätze erzeugen Wahrnehmungseinheiten, und zwar nicht nur optische sondern auch inhaltliche und dramaturgische. Sie sind – grob gesagt – das, was im Film die Änderung der Kameraeinstellung ist. Zudem sind sie aber auch das, was beim Filmgucken das „Umfokussieren“ des Zuschauers auf ein anderes Bildelement (z. B. auf ein anderes Gesicht) ist. (Dieses Umfokussieren kann der Filmemacher nur bedingt kontrollieren, deshalb muss bei einem Film ja auch immer jedes Bilddetail „stimmen“. Der Schreiber hingegen kann gar nichts anderes tun, als immer nur ein Bildelement in den Fokus zu rücken.)

Wie geht das?

Absätze unterliegen keiner zwingenden Vorschrift. Es gibt aber mehr oder weniger streng einzuhaltende Regeln und Faustregeln.

Eine der grundlegenden Regeln betrifft Dialoge. Die Regel lautet: „Absatz immer dann, wenn der Redner wechselt – egal, ob er etwas sagt oder nonverbal (re)agiert.“

Schreiber – vor allem Anfänger – die „es nicht wie alle machen“ wollen, schreiben Dialoge oft ohne diese Absätze. Abgesehen davon, dass damit unnötig Lesegewohnheiten verletzt werden und die Lesbarkeit erschwert wird, vergibt sich der Autor damit einerseits ein sehr effektives dramaturgisches Mittel und läuft andererseits Gefahr, dass der Leser Worte und Handlungen den falschen Figuren zuordnet.

Beide Aspekte hängen mit der Wahrnehmungswirkung von Absätzen zusammen. Absätze sind „Umschaltstellen“, winzige Momente zwischen dem Ende der einen Einheit und dem Beginn der neuen Einheit, in der der Leser diesen Einheiten-Wechsel verinnerlichen kann. Diese Umschaltstelle sichert ab, dass der Fokus beim Kopfkino-Film auf den anderen Redner umschwenkt. Existiert sie nicht, muss man den Fokus mit Worten umlenken, also jedesmal ganz unmissverständlich dazusagen, wer gerade spricht oder etwas tut.

Im „realen Buchleben“ werden Sie auch auf Fälle stoßen, bei denen der Rednerwechsel innerhalb eines Satzes geschieht. Beispiel: „Es ist also grün“, sagte Alfons und Erwin nickte bestätigend. In solchen Fällen trennt man den Satz natürlich nicht mittendrin durch einen Absatz. In manchen Büchern (nicht nur älteren) findet man auch noch die („falsche“) Regel „Neue Rede = neuer Absatz“ umgesetzt. Auch hier tauchen hin und wieder Zuordnungsprobleme auf.

Absätze spielen aber natürlich nicht nur bei Dialogen eine Rolle. Ich habe lange Zeit bei Lektoraten mit zwei Hinweisen operiert: „Hier muss ein Absatz hin, weil der Ort/die Zeit/die Person/… wechselt.“ bzw. „Hier kein Absatz, die Handlung geht ja nahtlos weiter.“ und „Fühlen Sie mal, wie innere Spannung steigt, wenn Sie hier durch den Absatz den Sätzen ein anderes Gewicht geben bzw. eine winzige Pause erzeugen!“ Bevor es aber soweit ist, dass man als Autor ein Gespür für die Fokuswechsel durch Absätze bekommt, helfen Ihnen vielleicht erstmal ein paar Merkpunkte, die einer „meiner“ Autoren für sich herausgearbeitet hatte. Danach werden Absätze z. B. gemacht wenn

der Redner wechselt,
die Perspektive wechselt,
Handlungsort und/oder -zeit sich ändern (z. B. bei Rückblenden),
eine Beschreibung endet und eine Handlung beginnt oder
eine neue Person die Bühne betritt.

Das sind – das möchte ich ausdrücklich betonen! – keine Vorschriften oder strenge Regeln! Absätze sind und bleiben ein dramaturgisches Mittel, hängen also auch davon ab, wie etwas wahrgenommen werden soll! Manchmal kann eine Figur langsam in Erinnerungen abtauchen, dann würde ein Absatz dieses Gleiten unnötig unterbrechen. Manchmal ist das Auftauchen einer neuen Figur in die fließende Wahrnehmung einer anderen Figur eingebettet, ein Absatz würde sich hier anfühlen, als würde die wahrnehmende Figur durch das Auftauchen der anderen aufmerken. Manchmal sind Beschreibung und Handlung miteinander verwoben … Sie merken: Es ist am Ende eine Gefühlssache, die man – wie der oben erwähnte Autor es tat – durch zielgerichtetes Lesen von Texten erwerben kann, die man als besonders ausdrucksstark empfindet.

Merksätze: Absätze sind nicht nur Lesehilfen, sie geben dem Text inhaltliche Struktur, bestimmen wesentlich seinen Rhythmus mit und sind damit ein entscheidendes dramaturgisches Mittel. Die Absatzregeln bei Dialogen sollte man nicht ohne sehr guten Grund brechen. Für alle anderen Absätze gilt: Sie müssen inhaltlich und dramaturgisch sinnvoll sein.