Das Kitsch-Gespenst

 

Es gibt nur wenig, was einen Text gründlicher diskreditiert als der Kitsch-Stempel. Wie also vermeidet man Kitsch? Auf Anhieb fallen mir da drei Erwiderungen ein: Das kann man gar nicht. Das muss man gar nicht. Indem man keinen schreibt.

Was ist Kitsch?

Kitsch ist „leicht konsumierbare Kunst, die mit effekthaschenden Mitteln Gefühle auslösen will“, sagt das Universal-Lexikon von 2004. So sehr das auch nach objektiven Kriterien klingt: Allein die Tatsache, dass es in vielen Sprachen gar kein adäquates Wort für Kitsch gibt und statt dessen unser Begriff verwendet wird, legt nahe, dass es sich um eine weitgehend subjektive Einschätzung handelt, ob etwas Kitsch ist oder nicht. Oder glauben Sie wirklich, in anderen Sprachkreisen hätte es das Phänomen der übersüßen Klischee-Stories vor dem Import des Wortes „Kitsch“ nicht gegeben?

Umgangssprachlich ist Kitsch ein Zuviel an (meist romantischer) Überzeichnung, Klischees und/oder inhaltlicher Schlichtheit. Was als zu viel empfunden wird, ist allerdings Geschmackssache. Und diese Empfindung ist selbstverstärkend: Wenn in einem Text (oder Film) einmal der Gedanke an Kitsch geweckt wird, fühlen sich auch Passagen kitschig an, die man ohne diese Voreinstellung nur als „sehr lyrisch“ oder „etwas überzogen“ bezeichnet hätte.

Die Sucht nach Kitsch

So verpönt Kitsch vor allem bei Autoren und „Literaten“ zu sein scheint, so beliebt ist er auf der Leserseite. Nicht umsonst werden täglich Millionen „obskurer“ Romanheftchen umgesetzt und auch die „Schmöker“ zwischen mehr oder weniger festen Buchdeckeln verkaufen sich wie geschnitten Brot. Grund: Sie sind leicht verdaulich.

Aber …

… das betrifft in erster Linie den inhaltlichen Kitsch. Meint: Geschichten von übersichtlicher Komplexität mit Figuren von vergleichsweise klarer innerer Schichtung und eher konfliktarmer sozialer Prägung werden nach nur unwesentlich variierenden Plotmustern erzählt. (PS: Teenie-Weltschmerz wird {nicht nur aber vor allem} von Teenie-Konsumenten sicher nicht als „konfliktarm“ empfunden werden; in diesem Zusammenhang handelt es sich aber in der Regel eher um behauptete Konflikte, die nach „erwachsenen“ Maßstäben bestenfalls momentane Irritationen sind.)

Inhaltlicher Kitsch muss nicht unbedingt vermieden werden; wenn man für das entsprechende Marktsegment schreibt, darf er sogar gar nicht vermieden werden, wenn man als Autor erfolgreich sein will. Die Kunst besteht darin, dass der Leser es im besten Fall nicht als Kitsch empfindet oder wenigstens als eine Art Kitsch, die ihm die Seele streichelt. Das wird bis zu einem gewissen Grad über eine geschickte Variation der erwarteten inhaltlichen Elemente erreicht, vor allem aber über die Sprache.

Interessanterweise vertragen Kitsch-Suchende ein Weniger an Kitsch besser als „normale“ Leser Kitsch ertragen. Das mag damit zusammenhängen, dass massiv auf Kitsch getrimmte Texte (und Filme) schnell als „Veräppelung“ wahrgenommen werden, Leser – auch Kitschleser! – aber als eine Art „Partner“ ernstgenommen werden wollen.

Wie man inhaltlichen Kitsch gezielt verhindern oder erzeugen kann, dazu kann ich an dieser Stelle nichts sagen. Das ist wohl eine Frage der „Quelle der Geschichte“: Wird sie auf Abruf aus fertigen Elemente gebaut, reift sie beim Schreiben heran, ist sie „plötzlich“ da und muss nur noch getippt werden … und wie tickt der entsprechende Autor – all das spielt da eine Rolle.

Sprach- und Stil-Kitsch

Sprach- und Stilkitsch lässt sich deutlich leichter und genreübergreifend beeinflussen. Der Schlüssel liegt im Schreibansatz: Wie immer die Geschichte gestrickt ist, wie immer die Figuren charakterisiert sind – wenn man beides in seiner Individualität {durchaus und ausdrücklich auch in seiner Verortung innerhalb des Genres!} ernst nimmt und seiner Natur Sprache gibt statt eine Sprache vermitteln zu wollen und dafür Geschichte und Figuren als Vehikel zu benutzen, hat man den ersten und wichtigsten Schritt getan.

Mir ist klar, dass das sehr theoretisch klingt und wie „Künstler!“-Geschwafel anmutet. Lassen Sie mich deshalb ein paar markante Kitsch-Indikatoren nennen:

Adjektiv-Flut

Es gibt Schreibschulen, die „Meide Adjektive!“ propagieren. Das ist Quatsch. So ein Stil kann gut klingen, muss es aber nicht; er wird im Gegenteil oft als kalt und hart empfunden. Schreibanfänger – vor allem junge Autoren, die noch nicht oder erst vor kurzem dem Teenie-Alter entwachsen sind – haben andererseits oft den Eindruck, man brauche so viele Bilder und Adjektive wie möglich, um „schön“ zu schreiben. Das wird dann Kitsch.

Wenn Sie in Ihrem Text in praktisch jedem Absatz Sätze vorfinden, in denen nahezu jedes Substantiv mit einem oder gar mehreren Eigenschaftswörter verbunden wird, dann haben Sie ein Kitsch-Problem. Dann hilft nur eines: Streichen, streichen, streichen!

Es müssen nicht alle Adjektive raus, als Streichhilfe hier ein paar Erfahrungen, die ich mit „sowas“ gemacht habe: Manchmal widersprechen sich die zusammengestellten Adjektive mehr oder weniger stark, manchmal sind die Formulierungen Doppelgemoppel, manchmal leere Blasen. Manchmal bekommt eine Sache in (fast) jedem Satz ein Adjektiv zugeordnet, als würde der Leser nicht schon beim ersten Mal begriffen haben, wovon die Rede ist.

Satzwürmer

Adjektiv-Fluten reißen den Schreiber oft so sehr mit, dass auch die Sätze einfach nicht zu fließen aufhören. Noch ein Attributsatz, noch ein Nebensatz und den nächsten Handlungsschritt gleich auch noch anhängen – das erzeugt auf Dauer einen Singsang, der einschläfert oder zäh wie zuckriges Mus wirkt. (PS: Einschläfernd wirken alle einförmigen Texte, zuckrig/kitschig aber vor allem der Singsang.)

Überzeichnen & Übertreiben

Überzeichnen ist ein probates Mittel, um etwas klar zu zeigen. Das heißt, man hebt etwas deutlicher hervor, als es in Wirklichkeit wäre. Z. B. runzeln wir sehr oft die Stirn – aber erst, es im Text zu erwähnen, zeichnet es; es „Stirn in Falten legen“ zu nennen, überzeichnet es etwas; z. B. von Denkerfurchen zu reden, überzeichnet es deutlich. Je öfter man so tief in den Farbtopf greift, desto größer die Kitschgefahr.

Übertreiben ist dem Überzeichnen inhaltlich ganz, ganz eng verwandt. Wenn jemand einfach nur weint, dann wäre „Tränenbäche“ eine Überzeichnung, ein „Zusammenbruch“ eine echte Übertreibung.

Klischees

Stil-Klischees gibt es in zwei Zusammenhängen. Das eine sind bestimmte Wortkombinationen, die immer wieder verwendet werden, also längst abgegriffen und unoriginell sind, das andere nenne ich mal „unzulässige Objektivierungen“.

In beiden Fällen besteht das Problem darin, dass die Ursprünge der Klischees durchaus in der Realität liegen. Ungeübte erkennen deshalb mitunter nicht, dass sie nur ein Klischee benutzen. Manchmal ist noch nicht mal das Klischee selbst das Problem, sondern nur seine Einbettung. (PS: Vor allem Schmöker-Text kommen nicht ohne Klischees aus. Die Kunst besteht darin, sie nicht wie Klischees klingen zu lassen.)

Abgegriffene Wendungen

… wirken vor allem dann kitschig, wenn sie sich häufen, wenn sie zugleich auch überzeichnen oder/und wenn sie so verwendet werden, als hielte der Autor sie für das Non-Plus-Ultra der Dichtkunst.

Auch das Maß an Realitätsbezogenheit spielt eine Rolle. Die „warme Sonne“, der „schneidende Wind“, der „funkelnde Stern“: Diese Beispiele sind in abnehmendem Maß Realitätsabbilder – Sonne scheint wirklich oft warm; Wind schneidet nicht wirklich, aber es fühlt sich wie laute feine Schnitte an; ein Stern flackern hingegen eher, funkeln klingt nur schöner. Im selben Maß steigt das Risiko, dass die Wortkombination als kitschiges Klischee empfunden wird. Und je bereitwilliger Sie solche oft benutzen Kombinationen ohne Suche nach einem noch besser passenden Wort benutzen, desto mehr erhöhen Sie das Kitsch-Risiko zusätzlich.

Unzulässige Objektivierungen

Was vielen Jungautoren (aber auch erfahreneren Schreibern) sehr schwer fällt, ist der Umgang mit Eigenschaftszuschreibungen. Ich meine damit die berühmten „böse funkelnden Augen“, „XY ausstrahlenden Blicke“, „verschlagenen Vissagen“ etc. pp. Ja, all das gibt es. Als Interpretation, die ein Betrachter anstellt. Diese Interpretation ist immer an den Moment der Betrachtung gebunden. Man kann in einer bestimmten Lage das Gegenüber als böse empfinden und weil wir sehr viel vom Gegenüber aus der Mimik und also der Augenpartie „herauslesen“, entspricht „böse funkelnde Augen“ durchaus dem, was einem ins Bewusstsein sickern kann. Der selbe Beobachter wird beim selben Gegenüber in einer ganz anderen Lage – zum Beispiel bei einem fröhlichen Gelage – kein „böses Funkeln“ sehen. Es ist also keine objektive Eigenschaft und dürfte deshalb nie ohne die explizite Gegenwart eines Beobachters im Text auftauchen.

Beispiel aus einem Text: Es ist der Prolog, niemand außer der weiblichen Figur X ist bisher zu sehen. Sie steht an einem Abgrund und schaut in die Runde. Der Leser hat zudem erfahren, dass X einen Mantel mit Kapuze trägt, und liest nun: „Nur ihre Augen waren deutlich sichtbar. Aus ihnen strahlte Neugierde und ein Hauch von Abenteuerlust.“

Klischee eins: Nur die Augen sind deutlich sichtbar. Ja, es gibt Lichtverhältnisse und Positionen von X und Beobachter zueinander, wo das möglich ist. Im Text ist aber weder von den Lichtverhältnissen noch von einem speziellen Blickwinkel die Rede, das „nur Augen deutlich sichtbar“ wird also wie eine umfassend objektive Tatsache behandelt.

Klischee zwei: Ja, wenn man einen Menschen in einem inhaltlichen Umfeld wahrnimmt, in dem z. B. von Reisen, Erkenntnisgewinn oder lockender Gefahr die Rede ist, kann man seinen wachen Blick als Neugierde und Abenteuerlust interpretieren. Der selbe Mensch kann aber auch gerade erfahren haben, dass etwas Schönes auf ihn zukommt, dann wird er einen sehr, sehr, sehr ähnlichen Gesichtsausdruck bekommen und diesen nennen wir dann „erwartungsvolle Vorfreude“. Bei einer Frau, von der wir nichts wissen, sehen wir in Wirklichkeit nur Wachheit und ein positiv gefärbtes Bereitsein – offener Blick, aufrechte/gestraffte Haltung, vielleicht eine kaum erkennbare Weitung der Nüstern. Vielleicht erkennen wir am Minenspiel Freude. Ob das Abenteuerlust ist oder frohe Erwartung – es gibt normalerweise kaum eine Möglichkeit, das unterscheiden. Von einer objektiv abbildbaren Tatsache ist das meilenweit entfernt.

Gerade diese Projektion von inneren Zuständen und Charaktereigenschaften auf das äußerlich Wahrnehmbare birgt extreme Kitschgefahr. Nicht, weil es so schnell auffallen würde, im Gegenteil: Vielen ist das so selbstverständlich, dass sie es selbst gar nicht als Kitsch erkennen.

Wie vermeide ich Kitsch?

Jede Zielgruppe erwartet zwar ihr spezielles Mindestmaß an Kitsch, einfach der Verdaulichkeit des Textes wegen, jedes Mehr birgt jedoch das Risiko, als „albern“ oder unpassend wahrgenommen zu werden.

Dieses Mehr können Sie vermeiden, wenn Sie sich vor allem in Sachen Stil nicht vom Wunsch nach „Es soll toll klingen!“ treiben lassen und sich nicht unreflektiert an fertigen Sprachbildern gütlich tun. Gehen Sie immer von der Geschichte aus (die Geschichten sind meist kitschig genug)! Wie ich es oben ausdrückte: Nehmen Sie die Geschichte ernst und bilden Sie sie so präzise wie möglich ab! Denn Ihre Aufgabe als (Prosa-)Autor ist es nicht, „schön“ zu schreiben, Ihre Aufgabe besteht darin, eine Geschichte (gut) zu erzählen.



Merksatz:
Die Geschichte ist nicht für die Effekte und Worte da, die Effekte und Worte sind für die Geschichte da.