Erzähljetzt, Erzählzukunft und Vor-Jetzt

 

Jede Handlung findet zu einem bestimmten Moment statt – das nenne ich das Erzähljetzt. Diesem Erzähljetzt, das sich auf einem Zeitstrahl sozusagen fortbewegt, ist eine grammatische Erzählzeit zugeordnet. Meist ist das das Präteritum, die Vergangenheit. Von dem Erzähljetzt ausgehend gibt es immer auch davor Stattgefundenes und in der Erzählzukunft Liegendes. Dem muss sich die grammatische Zeit anpassen. Ist das Erzähljetzt in Vergangenheit erzählt, ist das unmittelbar davor die Vor- oder abgeschlossene Vergangenheit, das danach – nein nicht die Gegenwart sondern der Futur zwei.

Anton ging nach Hause. Vorher hatte er das Auto abgeschlossen. Danach (also zu Hause angekommen) würde er noch etwas essen und dann ins Bett gehen.

Anton geht nach Hause. Vorher schloss er das Auto ab. Danach wird er noch etwas essen und dann ins Bett gehen.

Schreiben in der Gegenwart

Immer wieder versuchen Autoren – Anfänger oder nicht – durch das Schreiben in der Gegenwart (im Präsens) „Lebendigkeit“ und Unmittelbarkeit zu erzeugen. Die Idee ist an sich nicht abwegig, aber man muss einige Nachteile in Kauf nehmen: Sätze in der Gegenwart klingen oft härter und kühler, als wenn sie in der Vergangenheit (Präteritum) geschrieben wären. Die durch das Präsens erzeugte Intensität und Nähe macht es schwierig, Übergangspassagen zu formulieren, die zwar für die Verbindung von Szenen wichtig sind, selbst aber eher nebensächliches Geschehen beinhalten. Klanglich problematisch ist hier auch oft der Wechsel vom Erzähljetzt zum Davor und/oder Danach.

Trotzdem: Wenn Sie es können, können Sie das natürlich machen. Insbesondere kurze Texte und/oder Texte, die ohne jegliche Art von Rückblende/Rückschau auskommen, sind durchaus auch für Nichtexperten im Präsens handhabbar.

Schreiben in der Vergangenheit

Geschichten in der Vergangenheit zu erzählen, ist nicht nur wegen der oben genannten Nachteile des Präsens zu empfehlen. Diese Zeitform hat sich auch als „üblich“ etabliert und wird von den Zuhörern/Lesern erwartet. Sie hat für Leser und Autoren zudem den Komfort-Vorteil, Distanz zu schaffen – man steht nicht gezwungenermaßen mitten drin, man kann „erstmal schauen“ und sich „nach Geschmack“ annähern.

Diese Beobachterposition (statt beteiligt sein) entspricht auch dem psychologischen Bedürfnis des Geschichten-Lauschens: Man erfährt detailliert etwas Neues/Spannendes, ist aber selbst nicht dem damit verbundenen Risiko ausgesetzt. Beispiele: Wir lesen Liebesgeschichten nicht, weil wir Liebeskummer fühlen wollen, sondern weil wir sehen wollen, dass wir damit nicht allein sind. Wir lesen von einer Verfolgungsjagd nicht, weil wir verfolgt werden wollen, sondern weil wir sehen wollen, wie der andere (der Verfolgte) sich in so einer Lager verhält.

Es gibt allerdings bei so manchem (vor allem jungem) Leser auch den Effekt, sich tatsächlich in die Rolle einer bestimmten Figur begeben zu wollen – gedanklich zumindest. Bei Jugendlichen ist dies eine typisch menschliche Art, Erfahrungen zu sammeln, bei Erwachsenen ist diese Flucht in ein anderes Ich eher mit Vorsicht zu genießen. Wie auch immer: Für solche Leser ist die Gegenwart (und der Ich-Erzähler) eine wirksame Zeitform. Trotzdem: Der Autor muss sie beherrschen.

Ausflug Journalistik

Immer öfter bekommen wir Nachrichten, Berichte und andere journalistische Texte, die über Geschehenes informieren, im Präsens aufgetischt. Falls Sie in dieser Branche tätig sind: Machen Sie diesen Unsinn einfach nicht mit! Heben Sie sich die Gegenwartsform für ausgesuchte Passagen innerhalb größerer Reportagen, Essays oder Biografien auf!