Kopfkino ja. Und zwar für den Leser!

 

Lesen ist wie Kino im Kopf, also machen Sie einen Kopf-Kino-Film! Dieser Tipp verleitet manche dazu, sehr szenenbetont zu schreiben und dabei „Ruckler“ zu erzeugen oder „Sprünge“ einzubauen.

Was ist damit gemeint? Stellen Sie sich einen Film vor. Dieser besteht aus zusammenhängenden Szenen (ein Dialog, eine Verfolgungsjagd etc.), die aneinander gefügt werden. Dabei wechselt das Bild an den neuen Ort, zur neuen Zeit, zu den anderen Personen. Diese „Sprünge“ erkennt man (in einem halbwegs ordentlich gemachten Film) sofort. Statt Strand sind Berge zu sehen, statt Mittagslicht ist Abendbeleuchtung zu sehen oder die Figuren haben die Garderobe gewechselt. Man erkennt und interpretiert diese Änderung so schnell, dass man gar nicht wahrnimmt, dass man da was interpretiert.

Im Text gibt es dieses auf einen Blick erkennbare Bild nicht. Als Autor müssen Sie erst ein Bild erzeugen oder anderswie kundtun, dass jetzt ein „Bildwechsel“ erfolgt.

Eine klassische Version dieses „Kundtuns“ besteht darin, einen Abschnitt zu bilden, also eine Leerzeile zu erzeugen, die den Lesefluss unterbricht. Da dies ein starkes optisches Element ist, sollte die Zeitspanne, die durch die Leerzeile angedeutet wird, erheblich sein. Was „erheblich“ ist, hängt von der generellen Erzählweise ab – wer im Fließtext innerhalb weniger Zeilen Tage überstreicht, sollte mindestens Wochen in den Leerzeilen „unterbringen“, wer von Minute zu Minute erzählt, kann ein, zwei Stunden durch eine Leerzeile überbrücken. (Bei Sprüngen zu anderen Figuren oder/und Orten spielt so eine Verhältnismäßigkeit kaum eine Rolle.)

Ein andere klassische Version ist das Erzählen/Nennen des Sprunges. Gemeint ist soetwas wie „Otto parkte das Auto vor seiner Haustür. Als er fünf Minuten später aus seinem Küchenfenster schaute, war das Auto weg.“ oder „Erwinia legte sich beruhig schlafen. Fünf Häuser weiter stand Otto jetzt gerade erst auf.“

Sprünge oder nur „Ruckler“?

Neben diesen deutlichen Szenenwechseln gibt es auch kleinere Sprünge. Typisch dafür sind Dinge wie ein Frühstück, das man nicht in allen Einzelheiten beschreibt, der Gang ins Nebenzimmer, das Kochen einer Tütensuppe oder ähnliches. Diese Sachen sind in der Regel integraler Bestandteil einer in sich runden Szenenfolge – hier mit Leerzeilen zu arbeiten, würde diese Szenenfolge kaputt machen. Also bleibt nur, den Leser mit Worten über die Sprünge hinweg zu führen. Wenn Sie das nicht tun, „ruckelt“ der Film, der Kopf-Kino-Gucker (Leser) hat das Gefühl, da würden ein paar Bilder mitten im Film fehlen. Ein Beispiel:

Otto kratzt die Reste des Müslis zusammen und steckt sie sich in dem Mund. Zufrieden schiebt er die Schüssel weit auf die Mitte des Küchentisches und lehnt sich auf den Stuhl zurück. Er spürt, dass sich etwas zwischen seinen Vorderzähnen verklemmt hat, schmatzend versucht er, das Korn herauszuzutzeln. Keine Chance. Da muss man schwereres Geschütz auffahren.
Ein prüfender Blick mit gebleckten Zähnen zeigt, dass die Zahnbürste erfolgreich war. Otto spuckt aus und spült mit Wasser nach. Noch ein letztes Lächeln. Weiß. Sauber.

Was sieht der Leser? Otto sitzt in der Küche. Er puhlt in seinen Zähnen, beschließt „größere Geschütze“ aufzufahren. Dann blickt er mit gebleckten Zähnen irgendwohin – und zwar noch immer in der Küche sitzend. Das ist schon seltsam. Noch seltsamer wird es, dass irgendeine Zahnbürste irgendwann bei irgendwas erfolgreich war. Nun spuckt Otto aus. In der Küche? Klar, dem Leser fällt spätestens jetzt auf, dass er eine Lücke, ein Loch übersehen haben muss. Aber der Lesefluss ist durch die Irritation und das nötige Uminterpretieren des Gelesenen schon gestört. Das Gefühl, dass der „Film geruckelt“ hat, bleibt.

Also:
Nicht, was der Autor beim Schreiben in seinem Kopfkino sieht, ist wichtig, sondern das, was er dem Leser zeigt!