Fraktale in Büchern

 

Fraktale sind Gebilde oder geometrische Muster, die bestimmten mathematischen Regeln folgen. Im allgemeinen Sprachgebrauch sind sie mit dem Begriff der Selbstähnlichkeit eng verbunden, das heißt, dass man Formen, die man im Großen sieht, auch bei den Details jeder Größenebene wiederfindet. Was das mit Büchern, mit Text zu tun hat? Ganz einfach: Auch da trifft man auf gewisse Selbstähnlichkeiten.

Lassen Sie mich mit dem Spannungsbogen beginnen! Die meisten Autoren haben eine Vorstellung davon, wie dieser sich von Anfang bis zum Ende spannt, wie er nach dem Einsetzen des Textes ansteigt und im hintersten Teil des Werkes nach dem Höhepunkt abfällt. Was allerdings wenige assoziieren, ist der „Klammer-Effekt“, den man ebenfalls mit so einem Bogen verbinden kann. Und was hin und wieder ebenfalls nicht ganz die nötige Beachtung erfährt, ist die Bedeutung des ersten und des letzten Punktes dieses Bogens.

Wobei „erster und letzter Punkt“ (also Satz) nicht ganz exakt ist, auch wenn sich manchmal auf dieser Ebene schon ein Missklang ausräumen lässt. Worauf ich hinaus will, ist eher die „erste und letzte Phase“. Vielleicht kennen Sie das ja, dass Sie irgendwie das Gefühl haben, der Text sei hinten einfach nur abgehackt worden. Oder – das kommt seltener vor – der Anfang klingt, als seien davor ein paar Sätze einfach weggestrichen worden. Während so ein „verstümmelter“ Anfang schnell in Vergessenheit gerät, weil der Kopf sich ja mit dem nun kommenden Text beschäftigt, bleibt ein abgehacktes Ende als Missempfinden zurück.

Zurück zum Fraktal: Dieser Bogen, der nicht nur im „inneren Verlauf“ von Bedeutung ist, sondern auch am Anfang und Ende spürbar eben das – Anfang und Ende – haben muss, findet sich in jeder Texteinheit. Begonnen beim Satz über den Absatz, den Abschnitt bis hin zum Kapitel und letztlich dem Buch. Beim Satz passiert diese Bogenbildung in der Regel ganz automatisch (vielen ist nur die sich daraus ergebende Konsequenz einer Rhythmusbildung nicht klar oder sie „hören“ nicht darauf), beim Absatz haben Anfänger mitunter Probleme, die Enden zu sehen (also Absätze zu machen). Und mitunter finde ich so eine Bogen-Schwäche bei Kapiteln vor: Wie beim Gesamttext stimmt häufiger das Ende nicht (es wirkt abgehackt), hin und wieder ist aber auch der Anfang kein Anfang sondern eine fließende Fortführung des vorherigen Kapitel-Endes.

Es gibt dummerweise keine Vorschrift, wie Anfang und Ende so einer Einheit sein müssen, damit der Bogen komplett ist. Es ist „Gefühlssache“. Also versuchen Sie sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn Sie als Leser mitten in einem Satz zu lesen beginnen oder mitten in einem Satz das Buch (zwecks Lesepause) zuklappen würden! Probieren Sie es aus, wenn nötig, indem Sie aus einer Zeitung einen Fetzen rausreißen, so dass Sie gar nicht in Versuchung kommen, den ersten Satz von vorn und den letzten bis zum Ende zu lesen! Merken Sie sich dieses Gefühl! Und dann sorgen Sie dafür, dass „sowas“ bei Ihrem Text nicht passiert. An keiner Stelle.