Redewendungen, Sprichworte und Co.

 

„Übung ist die Mutter der Porzellankiste …“

… behauptet der Autor dieses Textes über eine kleine Online-Zauberschule. Vielleicht muss man Magier sein, um das zu verstehen, denn üblicherweise gilt „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“.

Wovon sprechen wir hier?

Praktisch jede Sprache enthält Formulierungen, die nicht wörtlich gemeint sind. Einiges davon ist aus Sprichworten entlehnt, oft sind es als Redewendungen eingebürgerte Bilder oder Analogien, manchmal haben alte Sprachforme(l)n in einzelnen Wendungen bis heute überlebt …

Sprichworte und Redewendungen erfüllen mehrere Zwecke: Sie bringen Bilder in die Sprache, was diese intensiver wirken lassen kann. Sie präzisieren mitunter, indem sie eine Aussage mit sehr markant festgelegten Gefühlen oder Situationen verknüpfen. „Abgehen wie Schmitts Katze“ sagt beispielsweise mehr als „plötzlich schnell wegrennen“, denn es transportiert auch Emotionen („Intenstität“ der Flucht, Erschrecken der Katze, Verblüffung des Zuschauenden). Sie erweitern (auch durch diese Präzisierung) den Sprachschatz. Und sie stellen Gemeinschaft her, da sie nur in mehr oder weniger großen Gruppen gebräuchlich oder sogar verständlich sind.

Nicht wenige Redewendungen haben sich so stark eingebürgert, dass sie heute nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Das Wort „ausstechen“ beispielsweise bezieht sich ursprünglich auf das „aus dem Sattel stechen“ bei Ritterturnieren. Sprichworte wiederum stellen oft Symbole mit Synonymcharakter bereit – so ist die sprichwörtliche Taube auf dem Dach ein Synonym für schwer oder nicht Erreichbares geworden.

Komplett wird das Thema durch Übertragungen. So ist beispielsweise oft von großen Namen die Rede, wenn bekannte oder berühmte Menschen gemeint sind.

Warum darf man nicht kreativ damit sein?

Man darf auch in Sachen Redewendungen und Sprichworte kreativ sein. Aber was ich in der Rubrik Sprachpflege über die „Vereinbarung des Inhaltes“ sagte, gilt bei nicht wörtlich gemeinten Formulierungen natürlich in ganz besonderem Maße.

Es gibt zwei Extreme in Sachen falscher Redewendungen: An einem Ende stehen die (wenigen) Formulierungen, bei denen ein Bild nur anders (falsch) ausgedrückt wird, am anderen Ende die Fehler, die zu einer völligen Sinnfreiheit des entstehenden „Spruches“ führen. Viele der Redewendungsfehler bewegen sich eher in der „Sinnfrei-Hälfte“, was sich von einfach nur in sich komischen Bildern bis zu gegensätzlichen Aussagen innerhalb der Redewendung oder mit Blick auf den Kontext bewegt.

Fehlerarten

Ein Grundfehler, der immer wieder auftaucht, sind falsch gemixte Redewendungen und Sprichwörter. Der Austausch eines Wortes wie im Eingangsbeispiel ist wohl am häufigsten anzutreffen, oft als Kombinationen aus zwei Redewendungen. „Übung macht den Meister“ und „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ sind allerdings zwei gänzlich verschiedene Aussagen. Tauscht man die Subjekte aus, ergeben sich sinnfreie Bilder oder gar falsche Aussagen („Vorsicht macht den Meister“).

Manchmal ist der Unterschied subtiler: Viele denken heute ernsthaft „Das schlägt dem Fass den Boden aus“ sei mit dem Schlag ins Gesicht so eng verwandt, dass man getrost sagen kann „Das schlägt dem Fass den Boden ins Gesicht.“ Dass das entstehende Bild Nonsens ist, stört sie dabei nicht. Auch oft zu hören: „Das setzt dem Fass die Krone auf.“ Noch toller ist der Mix „Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.“

Ein anderer Quell manch Unsinns ist der falsche Gebrauch von Redewendungen. Nur weil jemand für etwas lange braucht, reitet er nicht unbedingt den Amtsschimmel. Und wenn jemand aufhört zu jagen, hat das nicht unbedingt etwas mit „die Flinte ins Korn werfen“ zu tun. Klassisch sind Fehlinterpretationen der Wortgruppe, die durch die alleinige Beachtung eines der Wörter zustande kommen. So las ich vor Kurzem etwas von dem einen Tropfen, der den Stein höhlt – das Wort „steter“ ist von dem Schreiber einfach weg„rationalisiert“ worden.

Eine dritte Quelle von Sprachverwirrung besteht darin, dass ein Umstand mit einer Redewendung verbildlicht wird und im nächsten Moment mit einer anderen Redewendung oder einem andere Bild assoziiert wird, das nicht zum ersten Bild passt. So sind z. B. Eiseskälte und Grabeskälte zwei unterschiedliche Qualitäten, auch wenn es in einem Grab natürlich durchaus eiskalt sein kann.

Ein klassischer Fehler bei Übertragungen besteht darin, dass das Stellvertreter-Wort so behandelt wird, als stünde da das eigentlich Gemeinte. So kann ist es zwar durchaus richtig, dass man „bei dem Turnier großen Namen begegnet“ (diese Namen sind oft zu hören oder zu lesen), aber es ist nicht möglich, dass „große Namen auf das Siegerpodest steigen“.

Regionales und Zeitliches

Redewendungen sind regionale Erscheinungen. Die größtmögliche Region ist dabei der Sprachraum, in diesem Falle der deutsche Sprachraum. (Einige Redewendungen werden auch in andere Sprachen übernommen – das funktioniert sowohl aus dem Deutschen heraus als auch ins Deutsche hinein.) Einige deutsche Redewendungen sind zwar für nahezu alle Deutschsprechenden verständlich, aber nicht für alle üblich. Andere Formulierungen sind sogar nur begrenzt verständlich, andere werden von Region zu Region variiert.

Zudem ändern sich Redewendungen. Zwar ist der Effekt des Verschwindens alter und des Auftauchens neuer Formulierungen stärker ausgeprägt, aber auch an den Bildern selbst wird – heutzutage schneller als früher – „herumgeschraubt“. So kann man immer öfter hören, jemand solle doch „auf die Zähne beißen“, wenn man meint, jemand solle „die Zähne zusammenbeißen“. Weil beides das gleiche Bild malt, dürfte sich dieser Trend nicht so bald auflösen, so weh das Sprachkonservatoren wie mir auch tun mag.

Manchmal sind Redewendungen Überbleibsel alter Sprachformen, alter Lebensgewohnheiten oder alter Berufsbilder. Der Bettelstab (Stock eines {alten, kranken} Bettlers), an den man gebracht werden kann, ist nicht mehr in Gebrauch. Und obwohl es bei uns längst nicht mehr üblich ist, dass verheiratete Frauen ihr Haar bedecken, kommen Frauen bei uns immer noch unter die Haube. Männer neuerdings auch, was weniger mit Gleichberechtigung zu tun hat, als vielmehr mit der Tatsache, dass kaum noch jemand den ursprünglichen Sinn der Redewendung kennt.