Grundlegendes zur erzählenden Prosa:
Machen Sie Kino für den Kopf!

 

Erzählende Prosa geht so: Ein Erzähler erzählt, was eine oder mehrere Personen in einem bestimmten Zeitraum erleb(t)en. Auf diese Art Text konzentrieren sich die folgenden Betrachtungen.

Die beiden Erzähl-Pole

Wenn man einem anderen etwas mitteilen will, dann sagt man ihm das. „Otto und Alfons haben heftig gestritten“ ist so eine Aussage. In einem Film würde man stattdessen diese Streitszene beobachten. Man bekäme gezeigt, wie die beiden sich gegenüberstehen, wie wutverzerrt ihre Gesichter sind, wie sie gestikulieren, und man könnte hören, was sie in welcher Tonlage und Lautstärke sagen.

Erzählen liegt zwischen diesen beiden Polen. Ein Text, der nur sagt, was passiert, wird in der Regel als kalt, langweilig, unspannend empfunden. Ein Text, der konsequent nur sinnlich Wahrnehmbares zeigt, ufert zu einem unüberblickbaren Riesenpuzzle aus, in dem die Handlung untergeht.

Nehmen wir folgende Sequenz, wie sie in einem Buch stehen könnte:
„Otto nahm Alfred zur Seite und raunte ihm etwas zu, das Alfred offenbar beunruhigte.“
Gesagt klänge das so:
„Otto sagte Alfred etwas. Alfred war daraufhin beunruhigt.“
Würde man nur zeigen, was wirklich zu sehen und zu hören ist, sähe diese Passage vielleicht so aus:
„Otto legte seine Hand auf Alfreds Arm und ging einen Schritt in Richtung Zimmerecke. Alfred machte ebenfalls so einen Schritt. Otto trat etwas näher an Alfred heran und beugte sich zu ihm, so dass sein Mund in der Nähe von Alfred rechtem Ohr war. Dann bewegten sich Ottos Lippen und Unterkiefer. Alfred starrte dabei geradeaus, zog die Augenbrauen zusammen, öffnete leicht den Mund und wurde etwas blasser. Noch während Otto die Mundbewegungen machte, wendete Alfred den Blick auf etwas am anderen Ende des Zimmers, seine Augen wurden größer, auf seiner Stirn erschienen Falten und sein Mund formte eine runde Öffnung.“

Abgesehen davon, dass die Beschreibung so komplexer Mimiken und Gesten den Text massiv aufblähen würde, fehlt den allermeisten Menschen der Überblick, wie die Feinheiten der Mimik und Gestik entstehen (, wir erkennen es „auf einen Blick“, wenn wir es sehen). Als Autor könnte man noch ein Studium dazu betreiben, der Leser allerdings wird die Details nicht mehr decodieren können. Bei „Er blickt skeptisch.“ dagegen hat der Leser einen Eindruck davon, wie das aussieht, und empfindet es als „gezeigt bekommen“.

Kino im Kopf

„Lesen ist wie Kino im Kopf“ ist ein geflügeltes Wort und meint, dass man die Handlung sichtbar macht. Das heißt, dass man so viel wie möglich zeigt. Wobei man im Interesse der Lesbarkeit manches auch einfach nur sagen muss. Vor allem Mimik und andere Dinge, die man beim Sehen nicht im Detail wahrnimmt, sondern als „Interpretation“, werden gesagt statt detailliert gezeigt („Er blickte skeptisch.“ = Interpretation einer komplexen Mimik). Ein Mittelweg ist hier, typische Details zu zeigen („Er runzelte die Stirn.“ = typisch für Skepsis).

Wenn also bei den folgenden Ausführungen von Kopfkino die Rede ist und mit Begriffen aus der Film-Welt hantiert wird, dann ist diese Art „sichtbar Gemachtes“ gemeint.

Das umfasst mehr als „nur“ die einzelnen Bilder. Beispielsweise gebe ich den Tipp „Mach Kino!“ auch oft, wenn Handlungen abgehackt wirken (der Film „ruckelt“) oder es sogar logische Brüche gibt („Anschlussfehler“). Selbst die Figurenzeichnung haben viele Autoren, die mir nach diesem Tipp wieder Texte schickten, besser hinbekommen.

Die wichtigste Funktion, die Sie bei Ihrem Kopfkino-Filmprojekt haben, ist die des Regisseurs. Zugleich sind Sie aber z. B. auch Drehbuchautor, Kulissenbauer, Effekte-Fachmann, Kostümbildner und – nicht zu vergessen! – Schauspieler. Als Regisseur, der eine Vision vom Gesamtwerk hat, bringen Sie all diese Dinge so zusammen, dass es ein toller Film wird.

Natürlich gibt es Unterschiede zum Film: Man muss keine kompletten Kulissen aufbauen, sondern nur den Teil, der wichtig ist. Man muss die Kostüme nicht bis ins letzte Detail entwerfen. Man muss sich nicht permanent ums Licht kümmern und Musik ist auch nur als Handlungsbestandteil interessant. Was man allerdings genauso sorgfältig behandeln muss, sind z. B. die Kameraführung (Totale, Nahaufnahme, Halbtotale, Detailansicht …) und das Schauspielen.

Es gibt noch einen, oben schon einmal angedeuteten, wesentlichen Unterschied zum Film: Ein Film besteht ausschließlich aus Szenen, die detailliert zeigen, was gerade abläuft. In einer geschriebenen Geschichte können Sie, müssen Sie gelegentlich sogar, reine Erzählpassagen unterbringen, also zeitlich, inhaltlich oder optisch schwer überschaubare und/oder im Detail weniger bedeutsame Abläufe zusammenfassen. Aber auch da darf man nicht ins „pure Sagen“ abgleiten.

Außerdem spielt im Film der Erzähler nur in begrenztem Maß eine Rolle – man hat nur die Kamera und eventuell einen „Sprecher im Off“ (also einen unsichtbaren Kommentator). Im Text hingegen kann man die rein optische Kamera mit Mikrophon oder zusätzlich „Blicke in den Kopf“ einsetzen. Man kann sehr objektiv beobachten, man kann einzelne Szenen besonders ausschmücken und/oder man kann sie kommentieren (z. B. ein Ich-Erzähler). Man kann sich wie ein Märchenerzähler in die fiktive Runde seiner Leser setzen und ihnen mit großen Gesten eine Geschichte erzählen. Denn genau genommen spielen Sie beim Schreiben zu allem anderen auch noch die Rolle des Erzählers – also des Kameramanns, der „draufhält“, eines Chronisten, der die Vergangenheit aufleben lässt, des Entertainers, der sein Publikum mit einer Story unterhält …

Übrigens:

Wenn Sie schreiben wollen, sollten Sie viel lesen – das schult Stil und Wortschatz. Und Sie sollten wenigstens ab und zu gut gemachte Filme schauen – das schult Hinsehen und „Einfühlen“. Dabei ist ein „gut gemachter Film“ nicht unbedingt ein „guter Film“. Wenn Sie wissen möchten, wie Spannungsbögen funktionieren, Gefühle geweckt und Effekte gesetzt werden, dann sind auch Actionfilme, Liebeskomödien und dergleichen Massenware aus dem Hause Hollywood gute Anschauungsobjekte.