Text und Film – verwandt aber nicht identisch

 

Geschichtenerzählen gehört zu den grundlegenden Kulturgütern des Menschen. Er benutzte dafür von Anfang nicht nur Worte sondern auch Bilder und Geräusche. Text, Bilder und Musik haben dabei ihre ganz speziellen Ausdrucksmittel und Gesetzmäßigkeiten, an den Überlappungen (Bilder mit Bildunterschrift oder Sprechblasen, Lieder mit Text oder – alles zusammen – Film) überlappen sich auch die Mittel und Gesetzmäßigkeiten.

In dieser Abteilung hier, bei der es um „Kino im Kopf“ geht, möchte ich ein paar Worte über Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei / zwischen Film-Erzählungen und Text-Erzählungen verlieren. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist: Beide erzählen etwas, klassischerweise eine Geschichte (was passiert wem, wie geht er damit um und warum tut er das auf diese Weise?).

Unterschiede

Film zeigt im wahrsten Sinne des Wortes: Man sieht (bewegte) Bilder, hört Sprechen und Geräusche und hört Musik. Text „teilt mit“, was zu sehen und zu hören ist; der Leser kann sich anhand dieser Infos vorstellen, wie die Bilder aussehen, was wie gesprochen wird und welche Musik erklingt.

Der Vorteil von Film ist: Man kann ohne große Vorstellungsumwege sehen und hören, was passiert. Und zwar genau so, wie es passiert. Details, die zu beschreiben zu aufwändig wäre, können alle auf die Leinwand gebracht werden. Der Nachteil: Man kann nicht direkt sagen, was in einem Menschen vorgeht, man kann nur eingeschränkt Erklärungen über Zusammenhänge, Vorgeschichten u. ä. abgeben und man kann Gerüche und Spürbares nur über Umwege (jemand spricht darüber; Reaktion der Figuren) mitteilen.

Der Vorteil von Text ist: Man kann erklären, man kann längere Handlungen zur „Info über die Handlung“ zusammenfassen, man kann den Leser ohne Tricks direkt über Unsicht- und Unhörbares sowie über Gerüche und Spürbares informieren. Nachteil: Man kann komplexe Bilder (wie Mimik, Bewegung mehrerer Akteure u. ä.) nur mit hohem Aufwand oder über Umwege (Schlagworte, Bilder) schildern. Der Leser „sieht“ nur ungefähr das, was der Autor beim Schreiben gesehen hat, weil er den Text „interpretiert“.

Ein Vorteil von Text ist, dass der Leser nur ungefähr sieht, was der Autor gesehen hat. Das heißt: Wenn der Autor nur eine lakonische Feststellung wie „er setzt sich hin“ machen will, dann macht er sie. Im Film sieht man aber auch, wie „er“ sich hinsetzt. Das ist unvermeidbar. Regisseur und Schauspieler müssen also haargenau wissen, ob „sich fallen lassen“, „vorsichtig niederlassen“, „sich hinlümmeln“ oder etwas anderes am ehesten der momentanen Stimmung/dem Charakter der Figur entspricht – achten sie darauf zu wenig, wirken Figuren schnell, als hätten sie eigentlich gar keine Stimmungen/keinen eigenen Charakter. Im Text kann man (muss man aber nicht) so ein Detail übergehen – der Leser denkt sich das auf Basis dessen, was er über die Figur in dem Moment weiß, schon zurecht. Ähnliches gilt für Hintergründe: Im Text muss man sich nicht auslassen, was die anderen Partygäste gerade tun, ob der Himmel grau oder blau ist – im Film bestimmen solche Details mitunter ganz wesentlich über die Aussage einer Szene mit.

Ein Vorteil von Film ist, dass man über „nebensächliche Details“ (wie Hintergrund oder die Art wie sich jemand setzt) Stimmung erzeugen, Wertungen vornehmen und Detailinfos vermitteln kann. Im Text ist soetwas nur mit verhältnismäßig großem Aufwand möglich. Aber es ist machbar, noch vor hundert oder zweihundert Jahren war es sogar sehr üblich, auch im Text detaillierte Kulissen, „symbolträchtige“ Szenen ohne Plot etc. zu zeichnen.

Gemeinsamkeiten

Sowohl im Film als auch per Text werden Geschichten erzählt. Das heißt, dass Elemente wie die Struktur des Plotes und Figurenführung und -zeichnung nach den gleichen Prinzipien funktionieren. Ob diese Aspekte dabei durch Worte „mitgeteilt“ oder durch Bilder sichtbar gemacht werden, ändert zwar an der Erscheinung und Ausführung etwas, nicht aber an den strukturellen Grundlagen.

Zudem gibt es miteinander verwandte Elemente wie Tempi, „Schnitt“ und „Kameraführung“. Farbe, Grafik und „Schärfe/Weichheit“ von Filmbildern finden zum Beispiel Entsprechungen in Klang des Textes, der sich durch Härte oder Fließen der Sätze, durch harte oder weiche Worte etc. auszeichnet, und natürlich auch durch die Inhalte der beschriebenen Szene.

Ja. Und?

Wer seine Leser erreichen will, muss ihnen einen Film in den Kopf projizieren. Es ist deshalb äußerst hilfreich, zu verstehen bzw. wenigstens ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Film beim Zuschauer funktioniert. Vor allem die gemeinsamen Elemente kann man am Beispiel von Filmen studieren und diese Erfahrung auf Text übertragen. (Umgekehrt übrigens auch.)

Wichtig ist dabei aber auch, dass man sich auch der Unterschiede sehr wohl bewusst ist. Was z. B. im Film „auf einen Blick“ funktioniert, bedarf im Text oft ein paar Worte mehr, dafür funktioniert anderes, was im Film nur mit großen Aufwand gemacht werden kann, im Text recht unkompliziert.

Es ist nicht ganz einfach, die Strukturelemente von Film und Text so analytisch aus dem Ganzen herauszulösen, um sie auf ihre Wirkung hin zu untersuchen und zu übertragen. Man muss das auch nicht tun, wenn man sein Schreiben wirkungsvoller machen möchte (viel lesen ist wenigstens{!} genauso viel wert). Aber es ist ein Tipp, mit dem ich bisher ganz gut gefahren bin. Versuchen Sie es doch auch mal!