Muss der Leser mitreden können?

 

Texte werden immer für ein Zielpublikum verfasst. Selbst wenn man nur für sich schreibt. Dann ist man sein eigener Leser und kann unter Umständen mit einem einzelnen Wort eine ganze Kette von Erinnerungen und Emotionen auslösen. Sobald man einem anderen einen Text vorlegt, hört dieser „Vorteil“ auf.

Inhalt: Selbst erlebt und erfahren

Texte, die mit dem Argument „Du kannst nicht mitreden, weil du das noch nicht selbst erlebt hast.“ verteidigt werden, sollten privat an jene Leser verteilt werden, von denen man weiß, dass sie es selbst erlebt haben. Wirft man ihn in eine größere Runde, ist es gewissermaßen die Pflicht des Autors, die Sache so zu schreiben, dass der Leser begreift, was der Autor da eigentlich erzählt. Der Leser muss es nicht nachfühlen oder nacherleben können, aber er muss für glaubhaft halten, dass die Figur so fühlt oder das erlebt.

Ein bisschen anders ist es mit „äußeren Handlungen“. Es gibt Elemente in Texten, die mit Detail-Wissen zu tun haben. Wenn eine Geschichte z. B. in einer konkreten Stadt spielt, dann lesen Einwohner der Stadt den Text mit anderem Vorwissen als „Fremde“. Wenn also ein spezifisch für diese Stadt geltendes Element für die Handlung wichtig wird, muss dieses Element dem „fremden“ Leser erklärt/gezeigt werden. Auch bei der Kulisse gilt: Ein Einheimischer hat bei einem bestimmten Stichwort sofort ein Bild vor Augen, anderen Lesern muss dieses Bild erst noch gezeigt werden. Oder man konzentriert sich beim Schreiben darauf, dass man ohnehin vor allem Einheimische als Leser haben will.

Ganz analog gilt dieser Effekt beim Schreiben innerhalb von Genres. Wer Fantasy-Fan ist, hat beim Stichwort „Elfe“ ein spezielles, doch recht komplexes Bild vor Augen. Das unterscheidet sich zum Teil erheblich vom Elfen-Bild anderer Leser. Noch deutlicher wird es beim Wort „Ork“ – Fantasy-Unkundige werden diesen Begriff vermutlich überhaupt nicht zuordnen können. Je breiter die Leserschicht sein soll, die man als Autor erreichen möchte, desto besser müssen solche Dinge auch für Nichteingeweihte sichtbar/fühlbar dargestellt sein.

Form: Selbst machen?

Was für den Inhalt gilt, gilt ähnlich auch für die Form: Je spezieller das Zielpublikum, desto spezieller kann auch der Stil sein. Ich betone: kann! Ein (guter) Text, der stilistisch näher am Mainstream ist, wird von den Spezialisten sicher nicht abgelehnt werden. Umgekehrt kann man mit sehr spezifisch formulierten Texten beim „Normal-Leser“ schnell Irritationen auslösen.

Gelegentlich wird in diesem Zusammenhang einem Kritiker vorgeworfen, er sollte „es erstmal selbst machen“ oder gar „es selbst besser machen“. Nunja: Wer selbst gut schreibt, erkennt schlechten Text wohl tatsächlich eher als einer, der gar nicht selbst schreibt. Aber so wenig wie man perfekt kochen können muss, um die Güte eines Gerichtes einzuschätzen, so wenig muss man selbst schreiben können, um Geschriebenes zu beurteilen. Also wagen Sie es, kritisch zu lesen! Wenn man vom Fach ist – also Koch oder Autor – dann kann man eventuell besser herausfiltern, wo das Problem konkret liegt. Und sicher verhilft häufiger Konsum auch dazu, Qualitätsnuancen besser zu erkennen.

Übrigens: So, wie man als Koch seine Rezepte nicht deshalb verändern muss, weil ein Gast nicht ganz zufrieden war, sowenig muss ein Autor jede Anmerkung, die ein Leser macht, als Anlass zum Umschreiben nehmen. Aber prüfen, ob es ein Anlass sein könnte, das sollte man schon.