Ich schreibe halt anspruchsvolle Texte!

 

In meinem Text-Fundus stieß ich auf dies hier. Ich war damals auf einen Essay-Wettbewerb gestoßen, der aufforderte, die sich mit einer Preisfrage zu beschäftigen. Also tat ich das …


Preisfrage: „Wenn der Leser nicht zaubern kann ... Worin besteht der Reiz und worin liegt der Sinn, schwierige literarische Texte verstehen zu wollen?“

„Ich will dem Leser ja nicht alles vorkauen, ein bisschen mitdenken muss er schon.“ Das ist doch ein sehr kluges Gegenargument, wenn ein Kritiker einen Text als schwer verständlich oder sogar undurchschaubar bezeichnet. Und ist es denn für den Leser nicht auch ein sehr erhebendes Gefühl, wenn er nach der Lektüre einer nicht so leicht eingängigen Geschichte plötzlich „alles“ versteht?

Ja.

Und nein.

Wenn „alles“ ganz banale Dinge sind, schon hundertfach gelesene oder vom Bildschirm gut bekannte Plots, Charaktere, Konflikte und Lösungen, längst vertraute Gedanken über Gott und die Welt, dann ist es frustrierend, für deren Entschlüsselung so viel Energie aufgewendet zu haben. Und je öfter man an solche Texte gerät, desto drastischer sinkt die Bereitschaft, sich überhaupt an Entschlüsselungen zu versuchen.

Tatsache ist, dass man heutzutage solche Texte massenhaft findet. Immer steht da – zumindest imaginär – „Literatur“ drüber. Oder es wird versichert, dass der Autor schon sehr erfolg- und zahlreich veröffentlicht hat. Schnell ist man da geneigt, sich selbst als Leser für unzulänglich zu halten. So leicht gerät die Welt auf den Kopf.

Leser, die ein bisschen mehr Selbstvertrauen haben, lernen früher oder später, dass nicht grundsätzlich sie die Dummen sind. Es ist oft genug der Autor, der dumm genug ist, sich im Bestreben „Literatur zu machen“ so verquer auszudrücken, dass er nicht mehr verstanden wird. Und damit ist die Frage nach dem Reiz, schwierige literarische Texte verstehen zu wollen, beantwortet: Am Anfang mag man noch den Ehrgeiz haben, durch das Verstehen nachzuweisen, dass man so dumm nicht ist, später verschwindet das, der Reiz erlischt.

So einfach ist das.

So einfach ist das nicht.

Es gibt schwierige Texte, die den Aufwand des Entschlüsselns durchaus lohnen. Es gibt Autoren, die sehr klug den Faktor des nicht-so-einfach-zu-lesen-Seins einsetzen. Und es gibt – machen wir uns nichts vor – auch wirklich Leser, die zu dumm für bestimmte Texte sind. Die meisten Leser, insbesondere die, die es reizt, schwierige Text verstehen zu wollen, sind selten dumm im herkömmlichen Sinne. Ihnen fehlen nur Voraussetzungen zum Verstehen – Fachkenntnisse, Leseerfahrungen im speziellen Genre oder mit dem speziellen Autor oder oft genug einfach nur ein Literatur- oder Philosophiestudium, das es ihnen erlaubt, Anspielungen, Zitate und Verwiese zu erkennen. Einiges davon kann man mit Mühe aufwiegen, Mühe, die es macht, einen Text zu „erarbeiten“.

Je spürbarer es ist, dass die Mühe lohnen wird, desto bereitwilliger nimmt man sie auf sich. Und hier beginnt die Crux. Ein Text, der den Leser nicht wenigstens so tief in sich hineinzieht, dass er Interesse an „Was soll das?“ weckt, kann so gehaltvoll sein wie er will – der Leser wird sich den Gehalt nicht erarbeiten. Dazu muss der Texte gerade so leicht sein, dass das Versprechen für den Leser erahnbar ist. Das mag ein richtig guter Autor für einen speziellen Leser hinbekommen, aber von einem Leser kann der Text nicht leben. Und der Autor erst recht nicht.

Ein Autor, der klug genug ist und Talent genug hat, Kompliziertheit als Mittel zu nutzen, sollte eigentlich auch klug und talentiert genug sein, dieses Mittel nicht nutzen zu müssen. Ein so guter Autor erzeugt einfach nur verschiedene Ebenen. Die erste, simpelste ist die unterhaltende, die am leichtesten erfassbare, die jeden Leser erreicht, der nicht gerade ein Lesemuffel ist. Dicht darunter und eng damit verwoben ist die zweite Ebene, die der Beschäftigung mit den Figuren. Und davon ausgehend kann man – als guter Autor –tiefschürfend werden. Die passende Story, der passende Stil und schon hat der Leser die Möglichkeit, dem Autor bis zu der Ebene zu folgen, für die er geistig gerüstet ist. Und darüber hinaus, wenn der Text so spannend ist, dass er ihn einfach nicht loslässt.

Lassen Sie mich an dieser Stelle persönlich werden: Ich arbeite mit Schreibanfängern und Hobbyautoren, das mag mich geprägt haben. Aber ich bin, was Textqualität angeht, auch gegenüber „großen Namen“ nicht gnädiger. Im Gegenteil. Texte, die man erarbeiten muss, um überhaupt zu ihnen zu finden, halte ich für schlecht. Ich treffe hin und wieder auf Texte, die ich mir erarbeiten müsste, die ein „Genrefachmann“ – vor allem bei philosophisch geprägten Texten fällt mir das auf – aber wohl leichter nachvollziehen kann. Ob die schlecht sind, weiß ich nicht. Anfangs reizte mich noch, sie zu ergründen, denn sich ein Bild von der Welt zu machen ist ja eines der Grundanliegen von Literatur, aber nach massenhaft Fehlschlägen ist dieser Reiz zumindest deutlich minimiert.

Damit endlich zur Preisfrage: „Worin besteht der Reiz und worin liegt der Sinn, schwierige literarische Texte verstehen zu wollen?“ Genau dort, beim Sinn von Literatur. Sie ist in allen Spielarten – auch den trivialen – Mittel zur Weltbildbildung, ist Verstehenshilfe und bietet einen Lösungsfundus für Situationen, die dem Menschen so oder ähnlich oder auch nur analog betreffen können. Sie erweitert die reale Welt um Erfahrungen und diese wiederum sind so menschenwichtig, dass jeder danach strebt. Manche mehr, mancher weniger und in unterschiedlicher Komplexität.