Regeln – nein danke?

 

Niemand mag eine schlechte Kritik. Wenn einem ein Text „zerpflückt wird“, geht man immer erstmal in eine Verteidigungshaltung. Neben der Beschwerde „Wieso meckerst du rum, das ist doch nur ein Text für mich selbst?!“ löst bei mir der Verweis auf „künstlerische Freiheit“ eine allergische Reaktion aus.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die „künstlerische Freiheit“ soll sein, davon lebt Literatur. Aber als Ausrede für jede Art Regelbruch ist sie feige, wenn nicht gar erbärmlich. Regelbrüche müssen, um künstlerisch gerechtfertigt zu sein, mit bestimmten Absichten und Zielen stattfinden. Was „rauskommt“ muss besser sein als das, was ohne den Regelbruch rausgekommen wäre. Nun ist „besser“ in der Literatur durchaus subjektiv, wenn der Autor allerdings nicht einmal erklären kann, was er bei den (in solchen Fällen meist massiv auftretenden) Regelbrüchen beabsichtigte, dann ist Skepsis mehr als angebracht.

Was gibt es für Regeln?

Keine Angst, ich zähle hier nicht alle auf, das wäre ein aberwitziges Unterfangen. Ich möchte die Regeln nur ein wenig wichten, indem ich sie in Gruppen einteile.

Vorschriften

Zu den Regeln, die man als Autor unbedingt kennen muss, gehört alles, was unmittelbar mit der Sprache zu tun hat: Semantik, Rechtschreibung, Grammatik. Diese Regeln zu brechen, muss gut überlegt sein. In der Lyrik oder in lyrischen Prosatexten werden insbesondere Abweichungen in der Groß/Kleinschreibung, Satzbildung und Zeichensetzung oft als künstlerisches Mittel eingesetzt, bei Eingriffen in die Grammatik leidet meist schon die Verständlichkeit. In Sachen Semantik hingegen wird auch da mit den Worten bzw. ihren Bedeutungen „nur“ gespielt – wer „Auto“ schreibt und „Nägelschneiden“ meint, wird unverstanden bleiben. Wer Vorschriften (die von jedem Leser als „Norm“ gewusst werden) bricht, sollte verdammt gute Gründe dafür haben.

Formale Regeln

In der Lyrik gehören zu dieser Gruppe zum Beispiel Reimschema, Strophenbildung und Metrik, bei der Prosa sind es die Absätze, Leerzeilen, Kapitel und dergleichen. Doch auch Schriftarten, Satzbild und Schriftschnitte sind Form-Sachen. Letztere Gruppe sind vor allem (aber nicht nur!) ein optisch-ästetisches Elemente, bei Ersterem werden Inhalte und vor allem die Lesbarkeit entscheidend mitbestimmt. Das einfachste Beispiel: Ein langer Text ohne jeden Absatz ermüdet den Leser schneller als ein „abwechslungsreicher“ Text, in dessen Schriftbild sich der Blick leichter orientieren kann.

Formale Regeln erscheinen manchmal wie Vorschriften, spiegeln aber nicht unerhebliche Lese-Effekte wider. Sie hängen zum Teil damit zusammen, wie das Sehen und die Informationsverarbeitung im Gehirn funktioniert, zum Teil mit zeittypischen Lesegewohnheiten, zum Teil aber auch mit inhaltlichen Interpretationen mancher Strukturen. Deshalb sind sie auch in (je nach Leserkreis und konkretem Text) in mehr oder weniger engen Grenzen variabel.

Wer die Wirkung dieser „formalen“ Aspekte von Text kennt, kann sie gezielt nutzen. Wer diese Regeln über ihre variablen Grenzen hinaus bricht, erschwert meistens den Vorgang des Lesens erheblich.

Faustregeln

Wenn man einen Text liest und ihn als schlecht empfindet, kann man oft wenigstens eine Faustregel finden, die verletzt wurde. Von „meide Klischees“, „die Figuren sollen natürlich sprechen“ und „benutze nicht so viele Ausrufezeichen“ bis hin zu „spiele mit der Satzrhythmik“, „die Geschichte braucht ein Ende – und zwar nur eins“ oder „der Spannungsbogen darf am Ende nicht auf Null zurückfallen“ reicht dabei die Spanne. Manchmal besteht der Charme einer Geschichte gerade im demonstrativen Bruch so einer Regel, manchmal ist eines dieser Elemente schlichtweg nebensächlich. Und manchmal ergibt sich ein grandioser Effekt, wenn zwei oder mehr Regeln „aufeinander zu“ gebrochen werden.

Faustregeln muss man bei Schreibbeginn nicht aufsagen können (das nutzt erfahrungsgemäß sowieso wenig), einige davon aber wenigstens instinktiv anwenden. Je nachdem, auf welchen Stil man sich einpendelt, sollte man sich mit den für diesen Stil wichtigen Faustregeln vertraut machen und sie in das „Schreibgespür“ übernehmen.