FanFiction schreiben

 

Darf man denn sowas? Für tausende FanFiction-Schreiber stellt sich die Frage offenbar nicht, denn die Szene boomt. Ganze Websites und Foren werden mit Texten dieser Art vollgepflastert. Dazu kommen noch die Foren, in denen es um Stars geht, und die inzwischen oft genug ebenfalls eine FanFiction-Ecke haben. Also gut, es wird gemacht. Aber darf man es denn nun?

Es gibt keine einheitliche Antwort, denn es ist eine unzulässig vereinheitlichende Frage.

Was ist das eigentlich: FanFiction? Ganz kurz gesagt: Es sind Geschichten, die Fans für Fans über das „Objekt ihres gemeinsamen Interesses“ schreiben. Dieses „Objekt“ kann eine „Welt“ sein – klassisch dafür ist das „Star Trek“-Universum – oder eine Person. Oder – im Fall, dass man es, wie meistens in der deutschen FanFiction-relevanten Fan-Szene, mit Fans eines Schauspielers zu tun hat – auch eine Mischung aus beidem.

Rechtliches

Und daraus ergibt sich, dass man es eigentlich nicht darf. Denn eigentlich darf man weder – laut Urheberrecht und Copyrights und dergleichen – das geistige Eigentum anderer „klauen“ noch – laut diversen Persönlichkeitsrechtsbestimmungen – einfach irgendwas über eine Person „in Umlauf“ bringen.

Nun: Wo kein Kläger, da kein Beklagter. So sehen es Filmfirmen, Comicverlage etc. nicht unbedingt ungern, wenn sich Fans gegenseitig mit „neuen Geschichten“ bei der Stange halten und so das Interesse wachgehalten wird. Nur verkaufen darf man die Sachen nicht, spätestens da werden die Rechteinhaber hellhörig, ja sogar bissig. Die Gilde der FanFiction-Schreiber hat sich deshalb angewöhnt, in sogenannten Disclaimern (dem Text vorangestellten Erklärungen) darauf hinzuweisen, dass ihnen die Rechteverteilung bewusst ist, sie sie nicht verletzen wollen und nur zum Spaß und aus rein nichtkommerziellen Gründen schreiben. Das ist juristisch allerdings belanglos: Wenn ein Rechteinhaber nichts, aber auch gar nichts dieser Art veröffentlicht sehen will, dann kann der FanFiction-Schreiber nur klein beigeben und seine Text in der Schublade lassen.

Auch bei FanFiction über Personen – eine sehr junge Spielart der FanFiction übrigens, doch dazu später – gilt ähnliches: Wo kein Kläger da kein Beklagter. Die Crux liegt im moralischen Bereich. Dass Fans Fantasien über ihren Star entwickeln, nicht selten Fantasien, in denen sie selbst vorkommen, ist nicht ungewöhnlich. Die Frage ist, inwieweit man eine real existierende Person so „benutzen“ darf. So lange es in den eigenen vier Wänden, am besten noch im eigene Oberstübchen bleibt, bleibt es intim und geht niemanden was an. Etwas anderes ist es, wenn es zur Schau gestellt wird. In diesem Fall die Person, der „Star“. Vorsicht gilt auch, wenn in aller Öffentlichkeit – kein FanFiction-Schreiber kann sich berechtigterweise darauf herausreden, dass sein Fandom ja eine Art „geschlossene Gesellschaft“ sei – Eigenschaften und Verhaltensweisen mit dieser Person verknüpft werden, die im günstigsten Falle einfach nur falsch sind, ebenso aber verletzen können, als ehrenrührig empfunden werden oder den Ruf – ein für Prominente erheblicher Faktor, auch wirtschaftlich – beschädigen. In aller Regel „meinen“ es Fans „nicht böse“, was nichts daran ändert, dass all das passieren kann.

„Echte“ Autoren und FanFiction

Und dann gibt es da noch eine andere „moralische“ Frage. Eine, die sich FanFiction-Schreibern wahrscheinlich nie stellt, die einem „echten Autor“ aber wohl sofort in den Kopf kommt: Ist FanFiction nicht eine noch schlimmere Sünde wieder die Künstlerehre als „Groschenhefte“?

Zuerstmal: Gute Groschenhefte zu schreiben verlangt ein Menge Können. Dass es massenweise schlechte „Groschenhefte“ gibt – wie auch Schlechtes, das in anderen „Formaten“ auftaucht – ändert daran nichts. Und gute FanFiction zu schreiben fällt in eine vergleichbare Kategorie, vielleicht sogar die selbe. Nicht umsonst sind Romanreihen, wie man anständigerweise sagen sollte, Grundlage für manchen FanFiction-Kreis. Wenn ein FanFiction-Schreiber gut ist, kann er sogar in den Kreis der Romanreihen-Autoren aufsteigen. Aber bitte keine Illusionen: Das passiert viel, viel seltener, als „ich werde einfach mal Schriftsteller“-Denkende vermuten.

Wenn man in FanFiction-Sammlungen scrollt, findet man jede Menge Schrott. Aus schreibhandwerklicher Sicht gesehen. Abgesehen davon, dass auch „im normalen Leben“ die beliebtesten Bücher nicht unbedingt die handwerklich und literarisch besten sind, geht es auch bei FanFiction nicht in erster Linie um ausgefeilte Sprache und tiefgründige Erkenntnisse. Es geht …

Halt!

Hier spaltet sich mein Geist. Natürlich geht es der Herkunft der FanFiction nach in erster Linie um „das Leben in der Fan-Welt“, um das Schaffen neuer Spielräume, weil Film oder Comic oder Roman zu klein geworden sind. Aber warum soll das nicht Projektionsfläche sein können für „echt wichtige Dinge“?

Machen wir einen Ausflug in die Geschichte der FanFiction:

Ursprünglich taten Fans in ihren Geschichten nichts weiter, als die originalen Geschichten um neue Szenen oder ganze Abenteuer zu erweitern.

Wikipedia.de: „Die ersten Fanfiction-Autoren tauchten vermutlich in den 1930er Jahren auf, als sich einige Fans von Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten zusammenschlossen und begannen, weitere Abenteuer des Detektivs aufzuschreiben. Aber zu wirklicher Popularität gelangte Fanfiction erst ab ca. 1969, als die ersten Star-Trek-Fanzines erschienen, die auch FanFiction enthielten.“ Andere Quellen setzen den Beginn der Entwicklung noch eher an – amancham.de.vu: „Fanfiction stammt aus England bzw. Amerika, also aus dem englischsprachigen Raum, wie bereits der Name vermuten lässt. Dort entwickelt sich dieses Untergebiet der Literatur bereits seit 1869, …“

Bereits mit den Star-Trek-FanFictions – und den von namhaften Autoren zum Teil als Auftragswerk geschriebenen und vom Copyright-Inhaber autorisierten Büchern, die damit de facto aufhörten FanFiction zu sein – wurden rasch verschiedene Richtungen sichtbar. Zum ersten das „klassische“ Zufügen weiterer Abenteuer inklusive neuer Figuren. Dabei bleiben die originalen Figuren und Beziehungen in ihrer „Substanz“ unangetastet. Genauso beliebt ist es, Ereignisse umzudeuten, neue Zusammenhänge herzustellen, Beziehungen – vor allem Liebesbeziehungen – nach Geschmack des FanFiction-Schreibers umzustricken. Dank der Star-Trek-Vorlagen kam man auch rasch auf die Idee, die FanFiction-Stories in anderen Zeitlinien bzw. in Parallelwelten spielen zu lassen, so dass man immer großzügiger mit den Charakteren umgehen konnte.

Immer noch bewegte man sich jedoch auf dem Gebiet der Geschichten (Filme, Bücher, Comics) und das Problem mit der Copyright- und Urheberrechtsverletzung verhinderte die Ausbreitung der FanFiction außerhalb von (vorgeblich oder tatsächlich) nichtkommerziellen, privat ausgetauschten Fanzines.

Dann kam das Internet. In einem Medium, in das de facto jeder erstmal „reinschreiben“ kann, was ihm in den Kopf kommt, und das andererseits – anders als bei Fanzines – ohne zusätzlichen Aufwand für jeden einsehbar ist, schwand schnell die Hemmschwelle, FanFiction zu verfassen. Comics, Filme, Serien, ja selbst Spiele wurden zur Grundlage von FanFiction. Mehr noch: Der Begriff suggeriert, dass jede Geschichte, die ein Fan schreibt, FanFiction sei. Ergo schrieb und schreibt man nicht nur über die Figur, die Schauspieler XY spielt, man schreibt über den Star XY selbst. Man schreibt über Sänger, die nie im Leben eine Figur darstellten. Das ist Personen-FanFiction oder – wie es in der Fachsprache der FanFiction auch heißt – Real-Person-FanFiction bzw. Star-FanFiction. Vor allem im deutschsprachigen Raum ist dies weit verbreitet. (www.amancham.de.vu)

Spielarten

Zurück zur Frage, wie nah an „echter Literatur“ FanFiction ist. Nun: Das kommt drauf an. Machen wir noch einen Ausflug – diesmal in die „Fachsprache“ der FanFiction. Sie zeigt eindrucksvoll, womit man hier alles rechnen muss: Noch vor dem Anfang – im „Header“ – wird meist der Charakter des jeweiligen Textes mit Schlagworten oder Abkürzungen gekennzeichnet (siehe auch wikipedia.de). Bei „Angst“ findet man das romanzeitungstypische Strickmuster der „schlimmen Situation“ vor, bevor es zum Happy End des „Pärchens“ kommt. „Crack“ zeigt an, dass hier einer etwas völlig Abgehobenes , Überdrehtes und keinesfalls ernst Gemeintes geschrieben hat. Bei „Gen“ geht es nur um Action – die Figuren sind bestenfalls Handlungsträger, nicht als Charaktere interessant. „IC“ heißt, die Figuren verhalten sich genau so, wie es die „Vorlage“ tun würde, wohingehen ein „OCC“ etwas tut, was der oder die „Echte“ nie gemacht hätte. Dann gibt es noch die „OC“s, „Original-Charaktere“, die sich der Autor komplett zum bestehenden Ensemble hinzu gedacht hat. Manchmal setzt der Autor sich selbst in die Story – wenn er/sie sein/ihr Alter-Ego dabei zum superschönen, allseits beliebten, hochtalententierten und (meist) tragischen endenden Superhelden stilisiert, spricht die FanFiction-Gemeinde von „Mary Sue“ …

Spätestens hier wird klar: Man kann FanFiction als Trash schreiben, kann nichts als seine eigenen (meist sexuellen) Fantasien zu Papier bringen oder sich ernsthaft um das kümmern, worum sich Literatur auch sonst kümmert – darum, wie der Mensch und wie die Gesellschaft tickt. Wenn die „Vorlage“ – der Film, der Comic bzw. Manga, die Romanheftserie – es hergibt, kann FanFiction eine prima Spielwiese sein, um Literatur zu üben. Den Charakter erkennen, ihn glaubwürdig halten und nicht (wie bei rein ausgedachten Figuren möglich) „auf die Handlung drauf biegen“, Beziehungen beachten, „objektive“ Gegebenheiten nutzen und bei all dem logisch bleiben, Spannungsbögen zeichnen, eben „gute Geschichten erzählen“ – hier kommt alles zusammen. Warum soll man als „echter Autor“ das also nicht dürfen?

Natürlich: FanFiction bleibt immer Geschmackssache und als solche gelegentlich auch nicht ohne „üblen Nachgeschmack“. Was man – unabhängig von juristischen Betrachtungen – darf, muss jeder selbst entscheiden. Spaß macht es jedenfalls.