Virtuelle Welten

 

Vor ein paar Jahren schrieb ich einen Beitrag für ein Magazin, das eine Ausgabe zum Thema „Virtuell“ herausbrachte. Im Zusammenhang mit dem „Schriftstellern“ erscheint er mir immer noch interessant:

Vision und Rückzug

Als Science-Fiction-Leser habe ich manchmal das Gefühl, die Realität hinke der Wirklichkeit hinterher. Meiner Wirklichkeit zumindest. In der ist zum Beispiel die Erforschung des Mars ein uralter Hut. Computeranimationen von Marsrovern, die wie beräderte Spinnen über roten steindurchsetzten Sand kriechen, lösen bei mir noch vor dem Ah! einen Dejavu-Effekt aus. Und die noch gar nicht so alte Meldung, man habe zum ersten Mal einen Planeten außerhalb des Sonnensystems entdeckt, ließ mich statt staunen erleichtert aufseufzen: Na endlich!

Was hat das mit dem Thema dieses Heftes zu tun? Nun: Der Duden übersetzt das aus dem Französischen kommende Wort mit „der Kraft oder der Möglichkeit nach vorhanden“. In den Köpfen von Science-Fiction-Autoren und Lesern fanden – Kraft ihrer Gedanken – virtuelle Marslandungen statt, lange bevor Nasa & Co. dafür Computer einsetzten. Der Zweck dieser beiden auf so verschiedene Weise kreierten virtuellen Ereignisse ist allerdings recht verschieden: Während die Autoren zeigen wollen, dass es möglich sein wird, fragen sich die Raumfahrtprofis, ob es möglich sein wird. Die Autoren überlegen sich, was sie erreichen wollen, und setzen die Voraussetzungen als gegeben voraus, die Ingenieure gehen von den Voraussetzungen aus und schauen, was sie damit erreichen.

Machen Autoren aber nicht eigentlich dasselbe? Gehen sie nicht auch von einer wenn auch virtuellen Voraussetzung aus – die Marslandung glückt – und schauen dann, was ihre Helden erreichen? Nicht ganz. Es gibt einen winzigen Unterschied, einen ganz entscheidenden Unterschied. Autoren können ihre virtuelle Wirklichkeit so lenken, dass geschieht, was geschehen soll. Sie können es auf den Punkt bringen. Und zwar auf genau den, der ihnen vorschwebt. Sie sind die Götter ihrer Welten. Und ihre Leser sind die Gläubigen. Die fahren durchaus gut damit. Vor allem, weil sie sich die Welt aussuchen können, in die sie eintauchen wollen. Wenn ihnen eine dieser Welten nicht mehr zusagt, verlassen sie sie und suchen sich eine andere, bessere virtuelle Welt. In der Realität würde solches an unzähligen echten oder eingebildeten Hürden scheitern.

Und noch einen Vorteil haben diese virtuellen Welten – egal, ob gedruckt, gespielt oder gefilmt: Sie sind festgelegt. Mag sein, dass der Autor im dritten Teil seiner Dekalogie einen neuen Raketenantrieb einführt, aber dadurch erklärt er nur, warum jetzt plötzlich vorher unerreichbar ferne Planeten erkundet werden können. Sonst ändert sich (fast) gar nichts: die selben Helden, die gleichen Feinde, zu zigtsen Mal das übliche Problem, hundertfach bewährte Lösungswege. Was aber passiert, wenn in der Realität ein neuer Raketenantrieb entwickelt wird? Plötzlich steht der erste Mensch auf dem Mars, die Kommunikationstechnik passt sich an die neuen Entfernungen an und Hyperfunk ist der letzte Schrei. Mutter kann ihr altes Telefon nun endgültig wegwerfen und ihre Tochter – eben erst mit dem Studium der UMTS-Technik fertig – muss sich vom ABC-Schützen des Nachbarn erklären lassen, wie man die neuen Kommstationen programmiert, damit man nicht zufällig einen Luxuskreuzer ersteigert, obwohl man doch nur Tante Erna anrufen wollte.

Sowas passiert im Buch nicht. Da „können die das“ einfach. Und der Leser kann es auch. Nicht wie in der Realität, wo er sich fragt, was zum Teufel dieses Acemannan ist, das er unbedingt mit der Nahrung aufnehmen muss, wenn er nicht vorzeitig sterben will. Hoch lebe die Astronautennahrung, da ist alles drin, was man braucht – auch wenn man nicht weiß, was das ist. Im Buch essen die Leute einfach, wir müssen uns ernähren. Im Buch ist der Alltag leichter, wir schlagen uns alle paar Monate mit neuen „Erfindungen zur Erleichterung des Alltags“ herum. Gut, wenn man sich dann in seine überschaubare virtuelle Welt mit wohldosierten Überraschungen und den aufs Wesentliche beschränkten Geschehnissen zurückziehen kann. Da hat man dann endlich mal nicht mehr das Gefühl, der Realität hoffnungslos hinterherzuhinken. Wie angenehm.