Science Fiction

 

„Science Fiction ist die harte Droge der Literatur“, schrieb Brian Aldiss einmal. Und recht hat er. Literatur an sich ist schon drogenartig: Sie macht Spaß, sie hilft, der realen Welt zu entfliehen, und lässt uns – ohne Gefahr für Leib und Leben – aufregende Dinge erleben. Und sie hilft uns, anhand der erzählten Beispiele zu erkennen, wie die Welt, wie der Mensch „funktioniert“. Dazu verdichtet sie die Wirklichkeit, abstrahiert, spitzt zu.

Phantastik – also Geschichten, die nach heutigem Naturwissenschafts- und Technik-Stand nicht zweifelsfrei möglich sind – tut dies nun in besonderem Maße: Da sie in Welten spielt, die nicht „echt“ sind, kann sie Probleme und Konstellationen noch weiter zuspitzen und abstrahieren.

Dabei bewegt sie sich zwischen drei Polen, die man etwa mit Science Fiction, Fantasy und Mysterie umreißen kann. Ganz grob gesagt basiert das phantastische (also nicht-reale) Element bei Fantasy auf Zauberei und/oder Märchenwesen, Science Fiction legt dieses Element als zur Wissenschaft und Technik gehörig fest und Mysterie operiert in der Zone der übernatürlichen aber als real angenommenen Wesen und Kräfte wie Geister und ähnliches. Phantastischer Horror changiert zwischen den Polen – es gibt ihn sowohl in der SF-, der Fantasy- als auch in der Mysterie-Spielart.

Diese strikte Trennung ist übrigens typisch deutsch – in Amerika z. B. schert man sich einen Teufel darum, da dienen diese Kategorien vor allem zur Bestimmung der Zielgruppe. Als Orientierung dafür benutzt man eher sowas wie die den Grad der Nähe der erdachten zur wirklichen Welt, den Tonfall oder die Verwendung typischer Plots und Elemente.

So zählt man dort praktisch alle Superhelden-Stories eher zur Science Fiction, weil in der Regel der Superheld nicht „einfach so“ über seine Kräfte verfügt, sondern sie irgendwie bekommen hat. Oder er stammt wie Superman oder Thor & Co. aus einer anderen Welt. Dass die sich ergebenden Kräfte meist nicht naturwissenschaftlich haltbar sind, ändert an der Einteilung nichts. Andererseits führt eine gewisse Vorliebe fürs Übernatürliche dazu, auch Mysterie-Stories über Vampire und dergleichen als Science Fiction anzusehen, weil man argumentiert, „sowas“ sei doch nur die Wirkung von einem Gen-Dingens oder eine Art Krankheit.

Tatsächlich geht die deutsche Einteilung in die Genres mitunter an Konsumkriterien vorbei. Echte Science-Fiction-Leser finden längst auch Fantasy vor, die im „SF-Tonfall“ geschrieben ist, während Science-Fiction-Sagas sich typischer Fantasy-Elemente bedienen.

Ich persönlich schätze die deutsche Genre-Einteilung trotzdem extrem hoch. Weil sie auf eine Sache abzielt, die mit dem Sinn von Literatur zu tun hat: die Welt besser verstehen lernen. Dabei macht es – nur mal als Beispiel – einen klaren Unterschied, ob man den Genen so viel Allmacht zuschreibt, dass sie es einem ansonsten normalen Mann gestatten, Hochenergie-Laserstrahlen mit den Augen zu verschießen, oder ob man sich bewusst ist, wie komplex biologische Vorgänge eigentlich sind. Es ist der Unterschied zwischen „dem kann man alles einreden“ und „der kann auf Basis einer soliden Grundbildung eigene Schlüsse ziehen“. Dass die X-Men-Geschichten trotzdem „gute Literatur“ sind, liegt an etwas anderem: Natürlich machen die Superkräfte der Mutanten all die Action und die zugespitzten Situationen erst möglich, aber wie sich die Figuren innerhalb dieser Situationen verhalten – einzeln, als Gruppen und im gesellschaftlichen Kontext – ist menschlich-realistisch.


 

Science Fiction, der Genrebegriff und Trivialliteratur


Aus inhaltlicher Sicht fügen sich die Phantastik-Genres noch in eine andere Kategorisierung der Literatur ein. Da gibt es an einem Ende die unbestrittene Trivialliteratur und am anderen Ende das, was manchmal als „Hoch-Literatur“, als „Ernste Literatur“, als „Kunst“ oder „Dichtung“ oder ähnlich Hochwertendes bezeichnet wird. Die Einsortierung ist durchaus Ansichtssache. So ist Trivialliteratur als unterhaltende, einfach zugängliche und erfassbare, inhaltlich schlichte bzw. gar niveaulose Literatur definiert – was aber z. B. als schlicht oder gar niveaulos empfunden wird, streut zum Teil erheblich.

Interessanterweise ist die Einteilung in Trivial- und Hochliteratur mit dem Genrebegriff verbunden, beides wurde mit der Verbreitung von Büchern als allgemeines Konsumgut relevant.

Eine Eigenschaft von Trivialliteratur besteht darin, dass sie Geschichten extrem vereinfacht – außer bestimmten Vorgängen und Zusammenhängen wird der Rest der komplexen Welt ausgeblendet oder sogar negiert. So entstehen leicht verdauliche, nicht selten „weltfremde“, den Leser einlullende Werke, die sich ihrer „Süffigkeit“ wegen hervorragend verkaufen lassen. Um dem Leser – also dem Kunden – sehr schnell zu vermitteln, in welchem Buch er welche Art von Grundmustern vorfindet, wurden und werden die Genres kommuniziert. So entstand eine lange Zeit kolportierte Einheit von Genre = reine Unterhaltung – egal, ob das Genre „Western“ oder „Liebesroman“ oder eben „Science Fiction“ hieß.

Inzwischen lassen sich Leser nicht mehr gern als „einfach gestrickt“ kennzeichnen – zumindest nicht sich selbst, anderen drückt man den Stempel schon noch auf. Für die Buchindustrie heißt das, dass man der Trivialliteratur etwas „Höhe“ andichten oder tatsächlich verleihen muss. Sich hat sich zwischen die berüchtigten Groschenroman und der „schweren Kost“ ein Segment von locker-leichten bis weltproblem-schweren Romanen geschoben, die dem Leser das gute Gefühl geben, „echte Bücher“ zu lesen, ihn anderseits aber genau so viel oder so wenig fordern, wie er es mag. „Mainstream“ wird dieser Unterhaltungsbereich gern genannt.

„Mainstream“ ist eben aber auch die Bezeichnung von gehaltvolleren, literarisch anspruchsvoller gemachten Werken, die noch nicht den Status der Hochliteratur erreichen. Die – einfacher ausgedrückt – den Unterhaltungsauftrag von Literatur genauso ernst nehmen, wie den bildenden und den Weltbild formenden.

Die Science Fiction nun spielte und spielt in diesem Wechselspiel zwischen Genre- und Mainstream-Literatur eine besondere Rolle. Als sie noch Abenteuer-Literatur hieß – zu Jules Vernes Zeiten z. B. – sprach sie mit ihrem Thema „Was wäre, wenn dies oder jenes möglich wäre?“ intellektuelle Kreise an. Diese Extrapolation interessierte zum einen die Wissenschafts- und Technikfans, reizte zugleich aber auch gesellschaftlich Interessierte als Mittel zum Auf-den-Punkt-Bringen aktueller Vorgänge. Als Hochliteratur galt sie nicht, war aber ganz sicher das, was heute Mainstream genannt wird. Über Fantasy, Liebesromane oder Western kann man vermutlich kaum etwas Ähnliches sagen.

Dann konzentrierten sich immer mehr Science-Fiction-Schreiber auf die Betonung des Sujets – es ging immer öfter um ungewöhnliche Ideen in Sachen Entdeckungen und Entwicklungen. Damit entstand auch ein Fandom, das genau daran die „Güte“ von SF maß. Zugleich gab es auch viele Autoren, die SF als Rahmen für anspruchsvollere Themen benutzten; doch auch sie gingen mehr oder weniger bewusst und freiwillig den Weg der immer phantastischer werdenden Kulissen mit. SF löst sich gewissermaßen vom Mainstream ab.

Immerhin galt in dieser Phase Science Fiction als zwar eigene, eigenartige und Ungeübten nicht leicht zugängliche Literatur, aber immerhin gestand man ihr eine besondere Weitsicht zu. Einiges wie „1984“ schaffte es sogar in den Kanon der Weltliteratur. Und das, obwohl es von Anfang an eben auch schon die wirklich trivialen Spielarten wie das reine Weltraumabenteuer gab.

Inzwischen kursiert bei den meisten vor allem letzteres: SF ist trivial. Die Filmindustrie hat daran ebenso ihren Anteil wie inzwischen einschlägige Spiele, aber auch die SF-Macher selbst bzw. das Fandom ist vermutlich nicht ganz unbeteiligt an dieser Entwicklung.

Ob viele heutige Autoren trotzdem SF-Leser waren oder sind, es daran liegt, dass vor allem in Sachen Umwelt und Klima immer wieder Blicke in die Zukunft geworfen werden, oder daran, dass die technische Entwicklung so rasant und folgenreich fortschreitet, dass sich irgendwie jeder fragt, wohin das wohl führt – Fakt ist: Science Fiction findet heute auch wieder im Mainstream statt. Und zwar recht oft und recht klar. Dabei ist nicht nur vielen Leser gar nicht bewusst, dass sie SF lesen, sogar manche Autoren selbst weisen den „Vorwurf“, SF geschrieben zu haben, ausdrücklich von sich. Die Extrapolation aktueller Vorgänge – oft geht es um Internet-, Vernetzungs- und Überwachungsthemen – ist nun aber mal SF. Auch dann, wenn die technischen Grundlagen schon realisiert werden können und „nur“ die möglichen Konsequenzen durchgespielt werden.

Wenn man nun meint, Science Fiction bekäme deshalb einen zunehmend besseren Ruf, der irrt. Nie vorher – so stellte es z. B. auch Michael K. Iwoleit in einem Vortrag auf dem Penta-Con in Dresden fest – wird SF so weitreichend so stark mit dem Begriff Trivialliteratur assoziiert. Der Stempel Science Fiction sei mittlerweise geradezu verkaufsschädigend. Zugleich ist SF ohne diesen Stempel aber durchaus gut verkäuflich – man erinnere nur an die Bücher von Frank Schätzing.

Wie eine Verbesserung dieser Lage erreicht werden kann, weiß ich nicht, da schon der Begriff „Verbesserung“ einer Definition bedarf. Sollten mehr Leser zum SF-Fandom stoßen? Bekennende SF-Schreiber würden das sicher begrüßen; ich auch. Aber ich halte so ein Ziel für illusorisch, denn die spezifischen Themen und Sujets der SF stoßen sicher nicht auf jedermanns Interesse. Was wäre dann besser? Bekennende SF-Leser, die als Mainstream getarnte SF lesen? Nun: Die meisten machen das schon. Allerdings findet der Austausch darüber eher nicht auf Mainstream-Plattformen statt. SF-Schreiber, die gezielt das Mainstream-Publikum ansprechen? Gibt es auch hin und wieder; die Erfolgrate ist allerdings sehr überschaubar. Das – das bewusste Agieren der „SFler“ im Mainstream-Umfeld – kann etwas bessern. Und zwar kann es den Ruf der Science Fiction verbessern – weg vom Trivialliteratur-Stempel hin zur Einordnung als literarisches Mittel der Abstraktion und Akzentuierung.