Sprachfallen im Alltag

 

Wie oft begegnen Sie im Alltag Situationen, in denen Sie zugeben müssen, etwas nicht zu verstehen? Beim Lesen von Schriftstücken in Amts-, Justiz- oder Versicherungsdeutsch vielleicht. Neigen Sie dann auch dazu, sich zusammenzureimen, was gemeint sein könnte? Na immerhin ist Ihnen dann bewusst, dass Sie eigentlich nur raten.

Heikel wird es in all den Fällen, in denen Sie zwar glauben, etwas zu verstehen, in Wirklichkeit aber „Wunschdeutsch“ lesen. Das passiert so oft, dass dieser Effekt von Schlitzohren und Betrügern gern und durchaus erfolgreich ausgenutzt wird. In einer Gesellschaft, wo selbst offenkundige Lügen wie die berüchtigten „Sie haben gewonnen, Frau X / Herr Y!“ noch auf fruchtbaren Boden fallen, scheinen Finessen wie „Himmelblauer Topas-Goldring“ belanglos zu sein.

Die gemeinsten Sprachfallen

… sind die, die besser klingende Worte benutzen. Sehr beliebt ist das auf Zutatenlisten bei Lebensmitteln. Als Unkundiger würde man ein Produkt, auf dem „Geschmacksverstärker: Glutamat“ steht, wohl ohne Bedenken für eines liegen lassen, dessen Zutatenliste „Hefeextrakt“ ausweist. Dass das praktisch das gleiche ist, weiß man oder weiß man nicht – man kann es aus den Worten nicht herleiten.

Die erkennbaren Sprachfallen

… sind jedoch auch nicht zu unterschätzen. Sie werden leider immer weniger wahrgenommen, weil sie – so kurios das klingt – immer öfter gar nicht als Fallen gemeint sind. Nicht nur die Leser/Zuhörer verstehen die Worte/Sätze anders, als sie dastehen, auch derjenige, der den Text gemacht hat, hat diese Worte/Sätze schon so falsch benutzt.

Beispiel: Wenn ein Möbelhaus mit „0 % Finanzierung“ wirbt, dann ist das als „Sie zahlen 0 % Zinsen beim Ratenkauf“ gemeint und wird auch so gelesen. Tatsächlich heißt es aber: „Bei uns wird 0 Prozent finanziert – Sie müssen immer alles komplett bezahlen.“

Beispiel: Ein TV-Shoppingsender preist seinen Schmuck nach diesem Prinzip an: Für einen Goldring mit schwarzem Diopsid wird dort die Bezeichnung „Schwarzer Diopsid-Goldring“ eingeblendet. Das ist aber ein Diopsid-Goldring, der schwarz ist, also ein schwarzer Ring.

Scheinbar harmlos sind auch Sprachfallen, wo der Redner/Schreiber offenkundig ein Problem mit der Wortbedeutung hat.

Beispiel: Niemand halbwegs Wissender würde annehmen, der Satz „Schokolade ist gut für das Gefäßsystem, wenn sie in Massen genossen wird“ sei tatsächlich so gemeint, wie er da steht. Allen wäre klar, dass „in Maßen“ gemeint ist.

Die erkennbaren und nicht mehr ganz so harmlosen Sprachfallen

Dass man viele „Sprachfallen“ als Fehler erkennt oder Text-Macher und Text-Konsumenten den gleichen Fehler begehen, verleitet viele Menschen dazu, das Problem nicht ernst zu nehmen. Das häufigste Argument ist „Man weiß doch, wie es gemeint ist“. Aber: Man weiß es nicht. Man vermutet es. Und wenn der andere dann auch nicht wirklich sagt, was er meint, sondern sich auf „du weißt schon, was ich meine“ verlässt, wird es ein munteres Rätselraten. Sehr oft – vor allem beim „Live-Sprechen“ (meint: wenn man sich gegenseitig sieht) – rät man richtig. Aber das ändert an dem Problem nichts: Wenn’s drauf ankommt, könnten Sie schmerzhaft falsch liegen.

Beispiel: In dem Zusammenhang „der Körper signalisiert durch Schmerz seelische Probleme“ beschrieb jemand in einem Text, dass ein Mann ständig unter Zahnschmerzen litt, die keine Ursache zu haben schienen. Dann fuhr er fort: „Er ließ sich alle Zähne ziehen, um dann unter Tinitus und rasenden Kopfschmerzen zu leiden.“ Es wird schnell klar, dass gemeint ist „das Schmerzsignal hat sich nur verlagert“. Tatsächlich steht aber da, dass der Mann beabsichtigt hat, Tinitus und Kopfschmerz durch das Zähneziehen auslösen.

Beispiel: Bei der Überschrift „Größter Lohnsteuerhilfeverein führt am 4., 6. und 7. November 2009 bundesweit über 1.000 Beratungstage durch!“ kommen Sie sicher schnell darauf, dass an diesen drei Tagen über 1000 Veranstaltungen namens „Beratungstag“ durchgeführt wurden. Was wäre aber, wenn da stehen würde „Lohnsteuerhilfeverein führt im November 20 Beratungstage im gesamten Stadtgebiet durch“? Hieße das, es gibt zwanzig Tage, an denen so eine Beratung angeboten wird, oder gibt es irgendwann im November einen Tag, an dem an 20 Orten beraten wird?

Beispiel: Als Lapalie wird oft aufgefasst, wenn „arrangieren“ und „engagieren“ verwechselt werden. Es stimmt zwar, dass schon wenig Kontext („Ich arrangiere mich mit …“ / „Ich engagiere mich für/gegen …“) die Verwechslung aufdecken kann (nicht muss!), trotzdem handelt es sich um einander entgegengesetzte Inhalte.

Erkennbare Sprachfallen, in die man besser nicht tappen sollte

Es gibt Sprachfallen, die mehr oder weniger absichtlich ausgelegt werden, und die man besser rechtzeitig erkennt. So etwas trifft man in „juristischen Schreiben“ oft an, wobei da vor allem darauf gesetzt wird, dass der Empfänger in Rechtsdingen unerfahren und unwissend ist. Aber auch die Werbung – für und auf Produkte/n – hantiert gern damit. Gelegentlich wird der „Fehler“ im erklärenden Text dann noch aufgelöst, aber verlassen kann man sich darauf nicht.

Beispiel: Ein Medien-Großmarkt wirbt auf seinem Prospekt mit „3 Spiele für 10 Euro!“ und bildet drei begehrte Computerspiele ab. Sie fahren also hin und siehe da: Jedes dieser Spiele kostet 10 Euro, nicht etwa alle drei zusammen. Nun wurde im Prospekt nicht gelogen, nur das klärende „je“ weggelassen, aber angeschmiert sind Sie trotzdem.

Beispiel: AWG warb im Januar 2011 in seinem Prospekt mit dem Slogan „Stärkster WSV des Jahres!“ Das heißt nicht, dass Sie in diesem Zeitraum die größten Rabatte des Jahres eingeräumt bekommen, sondern dass es keinen „stärkeren WSV“ (was immer das sein soll) im Jahr 2011 geben wird. Und das ist nicht mal gelogen – es gibt nämlich nur einen pro Jahr.