Mehrfachnutzung von Wörtern


Zu den gern als Stilblüte bezeichneten, aber nicht als formal falsch betrachteten Fehlern gehört die Mehrfachnutzung von Wörtern.

Ein klassisches Beispiel: „Er nahm Hut und Stock und sich anschließend das Leben.“ Das scheint die selbe Konstruktion wie „Er ging durch die Tür und anschließend die Treppe hinab.“ zu sein. Und sie ist es formal auch; das Gefühl, es mit einer Stilblüte zu tun zu haben, rührt vor allem von dem Bruch der Emotionshaltigkeit zwischen den beiden Aussagen her – das eine ist in allen Ebenen reine Sachinformation, das andere ist in der Konsequenz der Aussage etwas sehr Emotionales.
Und doch schwingt in diesem Beispiel schon etwas anderes mit: Das Wort „nahm“, das hier nur einmal dasteht, aber doppelt benutzt wird, ist in den beiden Nutzungen nicht völlig identisch. In „er nahm Gut und Stock“ bedeutet es „an sich nehmen“ und ist ein einzelnes Element, in „nahm sich das Leben“ ist es Teil einer Redewendung und hat nichts mit „an sich nehmen“ zu tun – er hat am Ende von „sich das Leben nehmen“ ja das Leben nicht; am Ende von „nahm Hut und Stock“ hingegen hat er beides.

Doch gehen wir einen Schritt zurück zu einfacher zu erklärenden Fehlern bei Wörter-Mehrfachnutzung: Soeben traf ich beim Korrekturlesen auf den Satz „Die Geschichte, die wir uns in unserem Kopf selbst erzählen und davon handelt, was passiert ist, wird niemals die ,wirkliche‘ Wahrheit sein, sondern immer eine Reflexion von dem, was wir sehen möchten.“
Hier wird das „die“, das sich auf „Geschichte“ bezieht, doppelt genutzt: einmal für „die wir uns erzählen“ und einmal für „die davon handelt“. Scheint doch okay zu sein, oder? Ist es nicht. Weiten Sie mal die Geschichte auf einen Roman aus! Dann heißen die beiden Teile: „der Roman, den wir uns selbst erzählen“ und „der Roman, der davon handelt“. Sehen Sie, dass es plötzlich gar nicht mehr dasselbe Wort ist? Nun: Das war es auch vorher nicht, es war auch vorher einmal der 4. Fall (Akusativ) und einmal der 1. Fall (Nominativ), es war einmal Objekt und einmal Subjekt der beiden durch „und“ gekoppelten Nebensätze.