Typisch!

 

Es gibt Fehler, denen begegnet man in Texten immer wieder. Manche fallen sofort auf, manche erst bei etwas sorgfältigerem Lesen. Und bei manchen muss man dem Ungeübten, dem Nicht-Korrektor, erstmal erklären, was daran eigentlich falsch ist.

Einige häufig anzutreffende Fehlergruppen habe ich schon unter „Kleinigkeiten?“ zusammengetragen; hier nun weitere typische Fehler, die mir immer wieder bei meiner Arbeit und im Alltag begegnen:


 

Fragen, die keine sind


Immer öfter treffe ich auf falsch verwendete Fragezeichen. Der Satz „Otto fragte sich, ob Egon blau war?“ ist typisch dafür oder auch das fast schon virulente „Ich hoffe, es geht Ihnen gut?“ am Anfang von Briefen, E-Mails und anderen Zusendungen.

Beides sind eigentlich Aussage-Sätze: Der eine sagt etwas darüber aus, was Otto sich fragt, der andere etwas darüber, was der Sender der Nachricht hofft. In dem Moment, in dem ein Fragezeichen statt eines Punktes verwendet wird, wird die Aussage in Frage gestellt.
Das heißt, im ersten Fall wird nicht gefragt, ob Egon blau war, sondern ob Otto sich das tatsächlich fragt. Und die korrekte Antwort auf das zweite Beispiel wäre nicht: „Mir geht es (nicht) gut.“, sondern: „Ich weiß nicht, ob Sie das hoffen.“


 

Mehrfachnutzung von Wörtern


Zu den gern als Stilblüte bezeichneten, aber nicht als formal falsch betrachteten Fehlern gehört die Mehrfachnutzung von Wörtern.

Ein klassisches Beispiel: „Er nahm Hut und Stock und sich anschließend das Leben.“ Das scheint die selbe Konstruktion wie „Er ging durch die Tür und anschließend die Treppe hinab.“ zu sein. Und sie ist es formal auch; das Gefühl, es mit einer Stilblüte zu tun zu haben, rührt vor allem von dem Bruch der Emotionshaltigkeit zwischen den beiden Aussagen her – das eine ist in allen Ebenen reine Sachinformation, das andere ist in der Konsequenz der Aussage etwas sehr Emotionales.
Und doch schwingt in diesem Beispiel schon etwas anderes mit: Das Wort „nahm“, das hier nur einmal dasteht, aber doppelt benutzt wird, ist in den beiden Nutzungen nicht völlig identisch. In „er nahm Gut und Stock“ bedeutet es „an sich nehmen“ und ist ein einzelnes Element, in „nahm sich das Leben“ ist es Teil einer Redewendung und hat nichts mit „an sich nehmen“ zu tun – er hat am Ende von „sich das Leben nehmen“ ja das Leben nicht; am Ende von „nahm Hut und Stock“ hingegen hat er beides.

Doch gehen wir einen Schritt zurück zu einfacher zu erklärenden Fehlern bei Wörter-Mehrfachnutzung: Soeben traf ich beim Korrekturlesen auf den Satz „Die Geschichte, die wir uns in unserem Kopf selbst erzählen und davon handelt, was passiert ist, wird niemals die ,wirkliche‘ Wahrheit sein, sondern immer eine Reflexion von dem, was wir sehen möchten.“
Hier wird das „die“, das sich auf „Geschichte“ bezieht, doppelt genutzt: einmal für „die wir uns erzählen“ und einmal für „die davon handelt“. Scheint doch okay zu sein, oder? Ist es nicht. Weiten Sie mal die Geschichte auf einen Roman aus! Dann heißen die beiden Teile: „der Roman, den wir uns selbst erzählen“ und „der Roman, der davon handelt“. Sehen Sie, dass es plötzlich gar nicht mehr dasselbe Wort ist? Nun: Das war es auch vorher nicht, es war auch vorher einmal der 4. Fall (Akusativ) und einmal der 1. Fall (Nominativ), es war einmal Objekt und einmal Subjekt der beiden durch „und“ gekoppelten Nebensätze.


 

Missglückte Aufzählungen


In ungefähr der gleichen Größenordung wie die riskante Doppelnutzung von Wörtern liegt die Aufzählung von Satzelementen. Statt also „Otto lief, er schwamm und er radelte.“ zu schreiben, schreibt man „Otto lief, schwamm und radelte.“ Wo das Problem liegt? Zugegeben: Nicht in dieser simplen Konstruktion aus einfachem Subjekt und aktiven Ein-Wort-Prädikaten.

Es liegt bei Sätzen wie diesem, den ich in einer Rezension redigieren musste: „Die Bücher ließen mich wundern, schmunzeln, staunen und begeistern.“

Nehmen wir das mal auseinander: „Die Bücher ließen mich wundern. Die Bücher ließen mich schmunzeln. Die Bücher ließen mich staunen. Die Bücher ließen mich begeistern.“

Die beiden mittleren Sätze sind völlig in Ordnung.

Der letzte Satz heißt: „Die Bücher sorgten dafür, dass ich begeisterte.“ Das ist semantisch auch okay, war aber sicher nicht, das, was die Autorin sagen wollte. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, wie ein Buch dafür sorgt, dass sein Leser irgendwen begeistert.

Und der erste Satz? Der sagt: „Die Bücher sorgten dafür, dass ich wunderte.“ Das nun ist auch semantisch falsch, es müsste heißen: „Die Bücher sorgten dafür, dass ich mich wunderte.“ Also: „Die Bücher ließen mich mich wundern.“ Wortdopplung? Scheint so. Münzt man es auf ein Nicht-Ich um – also z. B. „Die Bücher ließen ihn sich wundern.“ – wird jedoch schnell klar, dass die Wörter zwar gleich klingen, semantisch aber verschieden sind. Das eine „mich“ ist ein Objekt (wen lassen die Bücher?), das andere ist der reflexive Teil des Verbs „sich wundern“.

Soll man solche Aufzählungen also wegen solcher Probleme meiden? Nein, richtig machen reicht schon.