Sprachpflege

… spaltet die Geister. Zu Unrecht. Denn Sprachpflege ist nicht die Verteufelung aller Fremdwörter, das kompromisslose Beharren auf kaum oder praktisch gar nicht mehr benutzten Worten und Wendungen oder allgemeines Lamentieren über den Verfall der Sprache. Letzteres ist so wenig neu wie Klagen über „die Jugend“, auch wenn erst seit dem 17. Jahrhundert „Spracharbeit“ (für Deutsch) mehr oder weniger organisiert betrieben wird.

Neu ist hingegen die Rasanz, mit der irgendwo aufkeimende „Szene-“ oder „Werbe-Sprache“ verbreitet und zum Massenphänomen (genannt „heutige Sprache“) wird. Neu ist die Selbstverständlichkeit, mit der auch Wort-Arbeiter (die in eigenem Interesse Sprachpfleger sein müssten) diese Strömungen aufnehmen und „korrektes Deutsch“ als unmoderne Entbehrlichkeit behandeln.

Natürlich lebt Sprache, sie entwickelt sich. Aber nur, weil es heute normal ist, dass ein Datenträger von vor zehn Jahren von „moderner Technik“ nicht mehr gelesen, heißt verstanden werden kann, bedeutet das nicht, dass Sprache eine analog sinkende Nutzungsdauer haben muss. Sie darf es nicht, wenn wir nicht von unserem Wissens- und Kulturerbe abgeschnitten werden wollen. Wenn wir alle drei, vier Generationen alle wichtigen Werke in „modernes Deutsch“ übersetzen müssen, damit sie für Nicht-Sprachkundler verstehbar bleiben, dann verlieren wir den Vorteil von Schrift. Denn bei jeder Übersetzung muss interpretiert werden, es kann nicht 1:1 übersetzt werden, und genau das ist die Schwäche, die mündliche Informationsübermittlung auch hat.

Also: Es geht um das Bewahren und maßvolle Anpassen der gesprochenen und geschriebenen Sprache. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um den Erhalt der Funktionstüchtigkeit der Sprache.

Was ist damit gemeint?

Grob gesagt, geht es darum, dafür zu sorgen, dass die Menschen einander verstehen. Das gelingt nur, wenn der, der etwas sagt oder schreibt, mit den Worten die selben Inhalte verbindet wie derjenige, der die Worte hört oder liest.

Weil jeder Mensche andere Erfahrungen hat, andere Emotionen mit bestimmten Dingen verbindet und nicht alle über das selbe Fachwissen verfügen, wird das ohnehin nie zu 100 % der Fall sein. Um so wichtiger ist es, dafür zu sorgen, dass wenigstens ein großer, besser ein sehr großer Teil der Sprache von jedem (der diese Sprache spricht) verstanden wird.

Um dieses Verstehen zu gewährleisten, muss nicht nur der Zuhörer/Leser die Bedeutung der Worte und Wendungen kennen, auch der Sprecher/Leser muss genau die Worte und Wendungen benutzen, die ausdrücken, was er meint.

Woher die Bedeutung der Worte kommt, dazu hier mehr.

Deshalb:

Damit eine Sprache ihre Aufgabe erfüllen kann, muss jeder, der sie benutzt, die Bedeutung ihrer Elemente (Worte, Wortgruppen etc.) erkennen und anwenden können. Man muss darauf achten, dass diese Bedeutung im Sprachraum nicht oder nur minimal differiert (idealerweise kennt jeder Beteiligte auch diese minimal abweichenden Bedeutungen).

Da angesichts der Komplexität und Vielschichtigkeit unserer Sprache nicht zu erwarten ist, dass tatsächlich jeder jede Nuance kennt, besteht die Minimalforderung darin, sich des Problems bewusst zu sein und sich so oft es geht, mindestens aber bei „wichtigen Dingen“, auf das Gesagte/Geschriebene zu konzentrieren statt blindlings in die „man weiß doch, was gemeint ist“-Falle zu tappen.