Sprache und Menschwerdung

Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Mensch und Tier? Werkzeuge? Lernen? Sich miteinander zu verständigen? Nicht per se. Längst ist nachgewiesen, dass Tiere Werkzeuge benutzen und sogar neue Werkzeuge erfinden können, dass sie voneinander lernen, sich ihrer selbst bewusst sein können und sich mit zum Teil recht vielfältigen Zeichen – auch über Abstraktes – verständigen. Sie tun dies alles nur nicht in so hohem Maße, nicht in dieser Komplexität und mit so gravierenden Auswirkungen, wie es der Mensch tut.

Gelegentlich wird behauptet, unsere Sprache hätte sich im Zusammenhang mit der Jagd entwickelt. Unsere Vorfahren hätten sich absprechen müssen. Das müssen andere im Rudel jagende Tiere auch und es gelingt ihnen recht gut.

Tatsächlich war es wohl eher so, dass Sprache zum Übermitteln von Wissen nötig war, der Grundlage für intelligentes Verhalten.

Im Gegensatz zum Instinkt, der angeborene und damit nicht oder kaum variierbare Reaktionen auslöst, ermöglicht Intelligenz ihren „Besitzern“, ihre Reaktionen sehr variabel an die tatsächliche Situation anzupassen. Je besser man erkennt, wie die Situation tatsächlich ist – und zwar mit ihren Zusammenhängen und Konsequenzen –, desto effektiver kann die ausgewählte Strategie sein.

Dieses Wissen muss erworben werden. Der ungefährlichste Weg ist der, es vermittelt zu bekommen: Die Mitglieder einer Gruppe lernen voneinander.

Tiere zeigen sich, was sie wissen – die Mutter führt dem Kind vor, wie das geht mit dem Nüsseknacken. Dazu muss eine Nuss und ein Werkzeug vorhanden sein. Wo es keine Nüsse gibt, kann man Nüsseknacken nicht lernen. Kommt so eine Gruppe auf ihrer Wanderung zu einem Nussbaum, können sie die Früchte nicht nutzen. Es sei denn, jemand kommt auf den Dreh. Zieht die Gruppe weiter, kann er es aber seinen Kindern nicht mehr beibringen – es gibt ja keine Nüsse mehr.

Der Mensch dagegen kann das Wort „Nuss“ festlegen und seinem Kind sagen: „Wenn du eine Nuss aufbekommen willst, nimm einen Stein und hau drauf!“ Er kann sogar noch mehr: Indem er dem Kind erklärt, was eine Nuss ist (so ein hartes Ding), lernt das Kind, dass „harte Dinger aufmachen“ durch „mit einem Stein draufhauen“ klappen könnte. Es kann jetzt mehr als Nüsse knacken, es kann auch Muscheln (harte Dinger) knacken. Zudem wird es vermutlich begreifen, dass es einen Zusammenhang zwischen „draufschlagen“ und „kaputtgehen“ gibt, und man vielleicht nicht unbedingt einen Stein braucht, sondern auch einen Ast nehmen kann.

Das heißt: Die wachsende Gehirnleistung erlaubte es den werdenden Menschen, als Individuum etwas schneller zu begreifen. Die Sprache half, diese Erkenntnis zu teilen, und bot zugleich die Möglichkeit, nahezu alles (auch) abstrakt zu erfassen und denkend zu verarbeiten. Wir (als Spezies) können deshalb in nahezu jeder Situation angepasst und zielorientiert reagieren, statt nur eine nur mehr oder weniger taugliche angeboren Verhaltensweise abzuspulen.