„Cold in July“: Jaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch …

 

Ein Film mit Don Johnson und Michael C. Hall? Her damit! Dass „Cold in July“ einen dieser plumpsinnigen deutschen Untertitel – in dem Fall „Rache kennt kein Erbarmen“ – trägt, darf einen Fan nicht abschrecken. Also kaufte ich das FSK-18-Werk …

Inhalt des Filmes

Texas 1989: Familienvater Richard Dane (Michael C. Hall) erschießt – mehr aus Versehen als absichtlich – des nachts einen Eindringling. Die Stadt feiert ihn, denn immerhin hat er den Gangster Freddy Russell erwischt. Freddys Vater, selbst eben erst aus dem Gefängnis entlassen, findet die Tat weniger feiernswert und beginnt, Richard und seine Familie zu bedrohen. Die Polizei bezieht Stellung – Ben Russel (Sam Shepard) kommt trotzdem ins Haus. Allerdings …

… hör ich hier schon auf mit der Inhaltswiedergabe, obwohl an dieser Stelle der Film erst um die 20 Minuten „alt“ ist, also – in der Summe gesehen – fast noch nichts passiert ist. Aber um die erste der im Rückseitentext auf der DVD-Box versprochenen Wendungen zu verstehen, müsste ich den ersten Spannungsbogen auflösen, für die zweite Wendung den zweiten Spannungsbogen und so weiter. Erst im letzten Drittel läuft dann alles relativ straight auf den großen Showdown zu. An diesem sind neben besagtem Richard Dane und Ben Russel auch der eigenwillige Gesetzeshüter Jim Bob Luke (Don Johnson) beteiligt – und zwar alle auf der selben Seite.

Film-Stil

„Cold in July“ ist ein typischer amerikanischer Film der „coolen“ Sorte: Waffen sind normal, Männerschweigen auch, es gibt nichts offensichtlich Schnulziges aber auch keine Hektik – nichtmal beim Showdown. Grusel und Spannung entsteht hier anders. Durch Härte zum Beispiel. So gibt es einen bestialischen Mord an einer Prostituierten, den man zwar nicht direkt sieht, aber genug Vorlauf dazu gezeigt bekommt, dass man aus den Geräuschen genau heraushören kann, was passiert. Fremde Rezis meinen, das würde den Stil der Vorlage – des Romans „Kalt brennt die Sonne über Texas“ von Joe R. Lansdale – gut wiedergeben, was ich in Unkenntnis des Buches weder bestätigen noch verneinen kann.

Alles in allem schipperte der Film, was das reine Erzählen anging, für mich knapp am „Nu mach hinne!“ entlang, andererseits wurde das fehlende Spiel mit Filmtempo und Bildrhythmus durchaus durch die inhaltliche Spannung aufgewogen. Die Frage nach dem „Was zum Teufel ist hier eigentlich los?“ wirkt doch recht stark. Dass sich bei mir dennoch kein Nervenkitzel einstellte, hat wohl eher mit einer gewissen Nichtempfänglichkeit für Grusel-Elemente meinerseits zu tun.

Darsteller

Gekauft hatte ich mir die DVD aber ja sowieso wegen der Darsteller. Und ich hatte recht damit.

Michael C. Hall spielt den auf cool machenden Durchschnittstypen sehr glaubhaft: Zwar agiert er so, wie man es von echten Kerlen Marke Cowboy-Enkel in den Staaten wohl erwartet, andererseits merkt man an mehr oder weniger subtilen Gesten und der Mimik, dass das eigentlich nicht seiner Natur entspricht. Oder vielleicht doch, vielleicht hatte Richard in seinem modernen Leben als Familienvater und Inhaber eines Bilderrahmen-Geschäftes einfach nur noch nie die Möglichkeit gehabt, das toughe Raubein raushängen zu lassen, denn als es immer härter zur Sache geht, ist er mit erstaunlicher Bereitschaft mit von der Partie. Am Ende ist er ein anderer geworden und wirkt fehlplatziert im heimischen Ehebett.

Sam Shepards Figur hingegen ist wohlerprobt in der Rolle des schweigsamen Cowboys mit dunkler Vergangenheit und tief sitzendem Schmerz. Normalerweise würde Clint Eastwood sowas spielen, aber da hätte man wahrscheinlich zu zeitig gewusst, dass in dem verschimmelten Fast-Wrack eine irgendwie doch edle Seele steckt. So gesehen ist Shepard wohl die bessere Wahl gewesen – und er spielt das echt gut.

Gesetzeshüter Jim Bob Luke ist der Paradiesvogel des Trios – gemessen an den beiden anderen zumindest. Don Johnson ist für sowas die ideale Besetzung: Das Kitsch-Cowboy-Outfit ist nur die plakative Untermalung für den feinhumorigen, nichtsdestotrotz schlagkräftigen Charakter, den Johnson in der für ihn typischen Art darstellt. (Wer „Nash Bridges“ kennt, weiß, was ich meine.)

Klischee oder Überraschung?

Bei all den Wendungen: Ist das ein überraschender Film? In dem Sinne, dass die üblichen Geschichten-Muster aufgebrochen werden, schon. Allerdings werden eigentlich nur übliche Geschichtenmuster neu zusammengewürfelt, Muster, die in der Regel nicht in einem Film und nicht in dieser Reihenfolge vorkommen.

Bei den Figuren – auch denen neben den drei Helden – ist es noch offensichtlicher: Sie sind fast reine Klischees in ihrer „Männer müssen eben tun, was Männer eben tun müssen“-Manier. (Frauen? Sind nur Randerscheinungen. Auch typisch für solche Lone-Ranger-Storys.) Und trotzdem wirkt der ganze Film nicht wie ein Klischee sondern eher wie eine Betrachtung dieser hier auftauchenden Klischees. Und das hat einen Reiz, dem ich mich nur schwer entziehen kann.

Fazit

„Cold in July“ ist nicht gerade ein Actionfilm und lässt leider doch so diese oder jene Frage unbeantwortet. Die Wendungen sind überraschend und resolut – sie drehen den Film immer wieder gänzlich um. Die Figuren sind glaubhaft, auch in ihrer Klischeehaftigkeit, und obwohl ganz klar ein bestimmter Erzählstil bedient wird, erscheint dieser – mangels überzogener Effekte – irgendwie natürlich. Alles in allem: Gut gemacht, Jim Mickle (Regie)!

Nachtrag

Was das alles mit der Überschrift dieser Besprechung zu tun hat? Einfach den Film anschauen!


„Cold in July“ – 2014 USA/Frankreich. Regie Jim Mickle.
Dieser Bericht erschien bereits auf ciao.