Orte in Sachsen: Nünchritz

 

Die Gemeinde Nünchritz umfasst seit der neuesten Reform Orte, die ich als Einheimische als „definitiv außerhalb“ kennengelernt habe. Nachbarörtchen wie Roda oder Grödel als „Nünchritzer Ortsteile“ zu sehen, mag ja noch angehen, aber Diesbar-Seußlitz …? Ich jedenfalls rede hier nur vom „eigentlichen Nünchritz“, also dem Teil, der sich der Länge nach vom Chemiewerk bis nach Glaubitz erstreckt und zwischen Eisenbahn-Damm und Elbe eingefügt ist. Gern würde ich Sie auf eine aussagekräftige Website zum Thema Nünchritz schicken, aber ich finde einfach keine im Netz. Deshalb entwickle ich gerade selbst eine – bis sie fertig ist, gibt es hier schon mal ein paar Kostproben.



 

Geschichte
Wohnen an der Elbe


In der Vorzeit wurde die Landschaft in der Nünchritzer Gegend extrem durch die Elbe geprägt. Der Strom verlässt hier die Einengungen, die heute die so malerische Weinberg-Landschaft darstellt, und konnte etwas ruhiger und freier fließen. Ersteres hatte dazu geführt, dass sich starke Sandbänke und Kieskuppen abgelagert hatten. Der Nünchritzer Sandrücken gehört zu diesen Ablagerungen, den die Menschen besiedelten. Hier waren sie ähnlich gut vor den Wassern der Elbe geschützt wie jene Menschen, die sich lieber hinter den sumpfigen Auenbereichen niederließen. Während jene aber den Vorteil fruchtbarer Böden hatten, waren die „Sandbewohner“ in extremem Maße von Fischfang abhängig.

Funde, die man ab 1900 immer wieder beim Bau oder der Erweiterung der damaligen Chemiefabrik machte, deuten darauf hin, dass schon in der späte Altsteinzeit und Mittelsteinzeit (12000 bis 6000 v. Chr.) kleine Gruppen von Jägern und Sammlern die Auenwälder zum Fischfang und zur Jagd auf Wild oder Wasservögel durchstreiften und auf den trockenen Sanddünen ihre Jagdlager aufschlugen.

In der Jungsteinzeit (5000 - 2400 v. Chr.) kam es dann zu einer echten Besiedlung. Sie ging vom Umland aus: Das mittelsächsische Lößhügelland zwischen Meißen und Mügeln zählt neben der Dresdner Elbtalweitung und der Leipziger Tieflandsbucht zu den Regionen in Sachsen, in denen sich die ersten bäuerlichen Gemeinschaften der Bandkeramik (5500 - 4500 v. Chr.) niederließen. Warum diese frühen Bauern spätestens um 5000 das Altsiedelland verließen, um sich auch auf den hochwasserfreien Sandrücken auf beiden Seiten der Elbaue niederzulassen, ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Möglicherweise sollten Ressourcen erschlossen werden, die nur die Flussniederung bot: Der Holz- und Wildreichtum der Auenwälder mag ein Grund gewesen sein, Fischfang und Wasservogeljagd am Fluss ein anderer. Vielleicht spielte auch die Elbe eine größere Rolle als Verkehrsachse. Keramik-, Werkzeug- und auch Gräber-Funde belegen diese Siedlungsbewegung.

Aus der Bronzezeit (1400 - 700 v. Chr) waren vor allem Urnengräber erhalten geblieben, aus der Eisenzeit stammen die Brandgräber und so geht es mit den Funden weiter auf der Zeitachse. Wer etwas mehr wissen möchte: Ich habe diese Infos aus diesem Bericht entnommen.

Frühe urkundliche Erwähnungen


Am 29. 9. 1312 wurde Nünchritz erstmals urkundlich erwähnt. Der Urkunde ist zu entnehmen, dass dem Kloster in Hain (Großenhain) zu St. Augustin 26 Scheffel Getreide (je 13 Scheffel Hafer und Weizen) sowie 26 Gulden Jahreszins zu geben waren von „villa Nuncharicz dicta“.

Zwischen 1370 und 1544 wurden die um Nünchritz ansässigen Grundherren mit Anteilen von Nünchritz belehnt.

1492: Erwähnung von zwei Weinbergen in Nünchritz. 1539/40 wurde Nünchritz nach Glaubitz gepfarrt.

1547 weist das Amtserbbuch Hain u. a. über Nünchritz eine Einwohnerzahl mit 13 „besessene Man“, darunter ein Gärtner (also ca. 85 Einwohner) aus; die Flurgröße wird mit 24 Hufen angeben.

1599 forderten die Pest und die Ruhr viele Opfer in Nünchritz (53 Todesfälle, darunter 30 Kinder).

Diese Infos stammen von www.findcity.de.

Geschichte ab etwa 1600


Auf der Seite www.findcity.de findet man eine Reihe weiterer urkundlich belegter Ereignisse. Neben den variierenden Amtszuordnungen und Notizen über seuchen- oder kriegsbedingte Verheerungen scheinen mir folgende Eckdaten interessant zu sein:

1621 lebten in Nünchritz ca. 160 Einwohner. Nach 1692 bis vor 1734 hatte eine Schiffsmühle in einer Einbuchtung der Elbe in Höhe des Gehöftes „Am Ufer 10“ ihren Standplatz, die dann nach Grödel gerückt wurde. Um 1700 wurde eine Personenkahnfähre betrieben.

Sehr beeindruckend muss das Zeithainer Lustlagers August des Starken gewesen sein, in dessen Rahmen 1730 preußische Gesandte in Nünchritz untergebracht worden waren. Die Erinnerung daran hat sich in der Überlieferung lange gehalten; ich selbst habe von dem Lager zumindest als Fakt von meinen Großeltern und meiner Mutter gehört. Ob es heute noch „Allgemeinwissen in Nünchritz“ ist, weiß ich nicht.

Nünchritz war immer auch ein Schifferort: Nach 1748 fanden sich auch Nünchritzer Einwohner infolge der Fertigstellung des Grödel-Elsterwerdaer Floßkanals und des Holzhofes Grödel unter den Steuermännern auf den „Churfürstlichen Holzschiffen“.

1822 erhielt Johann Gottfried Baarmann die königlich-sächsische Konzession „zum Speisen und zum Beherbergen auf den Notfall, solange er den Reihenschank exercieret“. Dies war der Beginn der Geschichte des „Elbgasthofes“. In diesem war immer Gastronomie zu finden, es gab auch einen nicht ganz unimposanten Festsaal. Nach der Wende fand sich dafür kein Betreiber mehr, heute beherbergt das Haus ein Fitnessstudio.

Eng verbunden mit dem Elbgasthof: 1823 wurde der rechtselbische Leinenpfad instand gesetzt und auf 3,40 m verbreitert. Hier, auf dem Elbdamm, wurde in der Folge immer auch gewandert und später geradelt. Diese Gäste und die Passagiere der Elbschiffe, die seit 1856 an dieser Stelle anlegten, waren – wie man es heute nennen würde – Hauptzielgruppe für die Gastwirte. Inzwischen ist diese Passage Teil des Elbradweges, der bis hinunter nach Hamburg reicht.

Nünchritz wird Industriegemeinde


Angefangen hat die Umwandlung des Fischer- und Schifferortes in eine Industriegemeinde mit dem Bau der ersten Ferneisenbahn Deutschlands. Als die Strecke 1839 fertig war, erhob sich hinter der Siedlung der Bahndamm; zwar gab es zwischen Elbe und Damm noch immer Ackerflächen, aber zumindest optisch war die Gegend jetzt markant „umgeprägt“. Einen eigenen Bahnhof hatte der Ort noch nicht, aber die Nachbarorte mit Bahnhof waren nach damaligem Verständnis ja gleich nebenan. Die Wirtschaftswege waren um eine weitere Option erweitert worden, der Ort wuchs. 1855 besaß Nünchritz 129 bewohnte Gebäude, 196 Familienhaushaltungen und 808 Einwohner.

Markante Gebäude, die in jener Zeit entstanden:
1849 wurde am Dorfplatz 1 das erste für schulische Zwecke zu nutzende Gebäude errichtet; heute befindet sich hier ein Museum.
1862 erfolgte die Erteilung der Konzession zum Bier- und Branntweinausschank an den Fleischermeister Johann August Rentzsch, was den Beginn der Geschichte des „Gesellschaftshauses“ darstellt. Hier gab es einen saalartigen Gastraum, der in der DDR-Zeit jedoch als Handelsfläche (Landhandel mit gemischtem Warenangebot) genutzt wurde. Das Gesellschaftshaus wurde 1994 abgerissen, an seiner Stelle steht heute ein Wohn- und Geschäftshaus.
1889 wurde ein neues Schulhaus in der Schulstraße errichtet und seiner Bestimmung übergeben. Um 1950 wurde hier ein Kindergarten eingerichtet. 2014 wurde das Haus abgerissen, die Fläche wurde in Bauland-Parzellen aufgeteilt.

Bevor die „große Industrie“ in Nünchritz ankam, rückte noch einmal die Vorzeit in den Fokus: Von 1881 bis 1915 war Karl Ernst Peschel zweiter Lehrer an der Nünchritzer Schule. Seine besondere Neigung galt der Erforschung der Urgeschichte, und es gelang ihm durch seine Ausgrabungstätigkeit, die urzeitliche Besiedlung im nordsächsischen Elbtal und speziell in bzw. um Nünchritz aufzuspüren.

1890 war die Einwohnerzahl auf 1078 angestiegen und Nünchritz erlebte das nach 1845 mächtigste Hochwasser des Jahrhunderts. Die Wassermassen der Elbe reichten bis etwa an die heutige Riesaer und Meißner Straße; 2002 wurde der Pegel noch etwas übertroffen.

1900 ging es dann endlich los: Der Chemiker Friedrich von Heyden, der in Radebeul schon eine Fabrik betrieb, begann mit dem Bau eines Zweigwerkes, das verkehrsgünstig mit Schiff- und Bahnanschluss ausgestattet war und für dessen Bau – anders als im engen Elbtal – genug Platz zur Verfügung stand. Mit der Chemischen Fabrik avancierte das Schiffernest Nünchritz schnell zu einer echten Industriegemeinde. Die Ortsentwicklung wurde wesentlich durch diesen Betrieb geprägt, wie z. B. das Anwachsen der Einwohnerzahlen (1910 wohnten hier 1683 Menschen), die errichteten Wohnhäuser auf der Justus-von-Liebig-Straße (damals Heydenstraße), der Wasserleitungsbau in den dreißiger Jahren und die Neubauten zwischen 1968 und 1985 belegen.

Zu DDR-Zeiten stellte das Chemiewerk Nünchritz unter anderem den Anstrichstoff Alusil sowie die Silikon-Klebe- und Dichtpaste Cenusil her. Nach der Wende wechselte ein paarmal der Besitzer, heute gehört das Werk zu Wacker Chemie

Auswirkungen der Umwandlung


Die Chemische Fabrik brauchte nicht nur Arbeiter, auch das Handwerk rundrum erstarkte. Ackerbau und Fischfang spielten eine immer geringere Rolle, von den 200 Elbschiffern um 1890 waren1908 noch etwa 100 Leute geblieben, die als Schiffer, Steuermann, Schiffseigner, -haupter und -bauer die Elbe für den Broterwerb nutzten.

Die fast 1700 Menschen mussten versorgt werden (ein Konsum wurde errichtet, weil der ansässige Einzelhandel das Pensum nicht mehr schaffte), vor allem aber waren es Arbeiter, die – anders als die meisten bisherigen Nünchritzer – eine zeitlich geregelte Arbeitszeit hatten und über Freizeit verfügten.

So blühte z. B. der „Turnverein 1892“ auf und baute sich eine Sporthalle neben dem Elbgasthof. Sie wurde bis 2002 für Sport und anderes genutzt, musste nach der Elbeflut aber abgerissen werden.

1939 war die Einwohnerzahl schon auf 2415 angewachsen, 1945 kamen noch Flüchtlinge hinzu. Da das Chemiewerk nicht komplett demontiert sondern schnell wieder in Betrieb genommen wurde, blieb die Einwohnerzahl im Prinzip auch erhalten. Es wurde eine Betriebssportgemeinschaft gegründet – Fußballer, Angler, Kegler, Sportschützen und viele andere Aktive fanden hier ein Dach. Diese Sporttradition lebt bis heute fort.

1971 hatte Nünchritz 4841 Einwohner, 1973 (nach der Eingemeindung von Roda und Grödel) 5786. Eine Bibliothek entstand; 1975 wurde der Spielmannszug gegründet, der bis heute sehr erfolgreich ist, der Schulchor der 1978 eröffneten 2. Oberschule konnte ebenfalls Erfolge feiern … Abgesehen von diesem durchaus bunten Kulturangebot für Kinder und Jugendliche in den sogenannten Arbeitsgemeinschaften und einigen Kleingarten- und Tierzüchtervereinen gab es aber kaum „Kunst und Kultur“ im Ort. Das war allerdings auch nicht nötig: Damals erreichte man mit öffentlichen Verkehrsmitteln schnell die Kreisstadt Riesa, wo die dortigen Betriebe Kultur-Mitmach-Angebote betrieben, sowie nach Meißen und in die „Kunst- und Kulturhauptstadt“ Dresden.

Nünchritz seit der Wende


Das Chemiewerk in Nünchritz gibt es immer noch und Wacker, dem es gehört, baute in den letzten Jahren weiter aus. Mit den neuen Möglichkeiten stieg auch die Zahl der Gewerbetriebe und das Vereinsleben konzentriert sich nicht mehr so markant auf den sportlichen Bereich. Ein neues Siedlungsgebiet wurde erschlossen – ob dessen Lage im Flutungsgebereich der Elbe clever gewählt war, darf seit spätestens 2002 getrost bezweifelt werden.

Markante Änderungen seit der Wende sind die Errichtung des Bahnhaltepunktes 2003 – technisch nicht ganz trivial, mussten die Bahnsteige doch an den Damm „angebastelt“ werden – sowie allerlei Umbauten in Sachen Schulen und Kindergärten. Die alte Sporthalle am Elbgasthof hat inzwischen Ersatz mit der Wacker-Sporthalle im hochwassersicheren Ortskern gefunden. Aus dem Vorplatz der früheren Kaufhalle ist ein Marktplatz geworden, es gibt einen Einkaufs-Park und so dicht wie in Nünchritz mit den Filialen von Supermarktketten sind die Einkaufsmöglichkeiten in manchen Großstadt-Stadteilen nicht gesät.

Heute ist Nünchritz eine Großgemeinde, die sich bis ins klassische Elbtal – nach Diesbar-Seußlitz – erstreckt. Fast 6000 Einwohner kommen so zusammen, auch manch „Kultur- und Geschichtshighlight“ wurde auf diese Weise einverleibt. Wer mehr dazu wissen will, findet bei wikipedia einen kleinen Überblick.



Fotos: 700 Jahre Nünchritz

 







Fotos2


Hier noch ein paar Bilder aus Nünchritz. Sie stammen alle von mir und dürfen hier heruntergeladen und für eigene Zwecke benutzt werden.
Falls Sie mir Fotos mit alten Ansichten von Nünchritz zur Verfügung stellen können (eigene Bilder!), würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen ( Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! ).




























Alle Fotoarbeiten sind mit Photoshop ausgeführt worden.